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22.06.21

„Die Renditen können auf beiden Seiten des Atlantiks stärker steigen“, Maria Luisa Matarrelli, Eurizon

Maria Luisa Matarrelli, Head of Developed and Emerging Government Bonds and Forex bei Eurizon, erwartet hinsichtlich der Inflation in den Sommermonaten eine Entspannung und für das 4. Quartal einen erneuten Anstieg. Anlegern rät sie, dies in den Anlageentscheidungen zu berücksichtigen und beispielsweise auch Rohstoffinvestments in Erwägung zu ziehen.

BOND MAGAZINE: Welche Inflationsentwicklung erwarten Sie für den Rest des Jahres – und was bedeutet das für die Zinsen?

Maria Luisa Matarrelli: Für den Rest des Jahres 2021 erwarten wir, dass die Inflationsrate in der Eurozone sowohl in der Gesamt- als auch in der Kernrate nach einem Rückgang in den Sommermonaten im vierten Quartal wieder ansteigen sollte. In den USA erwarten wir nach der Veröffentlichung eines Anstiegs der Gesamtinflation um 5 % und der Kerninflation um 3,8 % eine beständigere Inflationsrate. Bei den Details der Verbraucherpreisdaten fielen einige Komponenten sehr stark aus: Gebrauchtwagen, Fluggesellschaften, Hotelpreise, und es entstand der Eindruck, dass der Anstieg breiter angelegt war. Seit Anfang 2021 wurde der Anstieg der nominalen Renditen durch die Ausweitung der Breakeven-Inflationsraten angetrieben, während die Komponente der realen Renditen sehr niedrig und auf beiden Seiten des Atlantiks im negativen Bereich blieb.
Die Haltung der Zentralbanken gegenüber diesem Anstieg der Inflation besteht darin, ihn als vorübergehend einzustufen. Die Hauptsorge der Federal Reserve und der Europäischen Zentralbank ist es, eine akkommodierende Geldpolitik zu gewähren, um einen starken Arbeitsmarkt und eine Schließung der negativen Produktionslücke zu erreichen.
Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen den beiden Zentralbanken. Die Fed hat ein stärkeres Mandat, sich auf die Erholung des Arbeitsmarktes zu konzentrieren und ist bereit, eine Überhitzung der Gesamtnachfrage mit dem Risiko einer Wiederbelebung der Inflation zu erzeugen. Dies wird durch die marktbasierten Inflationserwartungen eingepreist, die mit dem Inflationsziel der FED übereinstimmen.
Die Europäische Zentralbank war 2021 in der Lage, sehr einfache Finanzierungsbedingungen zu schaffen, wenn wir uns einige vorgelagerte Daten wie reale Zinssätze und BIP-gewichtete nominale Renditen ansehen. Auch die marktbasierten Inflationsdaten, die auf Swap-Daten basieren, haben sich nach oben bewegt. Die Zahlen sind jedoch nicht wesentlich höher als vor der Pandemie und bleiben über den gesamten Zeithorizont unter dem 2%-Ziel.
Die EZB wird vom Markt als konservativere Zentralbank gesehen und diese Wahrnehmung rechtfertigt eine Lücke in der Glaubwürdigkeit des Inflationsmandats. Es wäre wünschenswert, dass die laufende strategische Überprüfung des Mandats und der geldpolitischen Instrumente durch die EZB, deren Ergebnisse im Herbst 2021 vorliegen werden, dazu führen, die Effektivität des Handelns der EZB zu verbessern
Wir sind der Ansicht, dass die Renditen auf beiden Seiten des Atlantiks stärker steigen können. Dabei dürfte der Anstieg der Renditen im Euroraum eher von den Inflationserwartungen als von den realen Zinsen getrieben sein, während in den USA das Gegenteil der Fall sein dürfte.

BOND MAGAZINE: Welche Risiken ergeben sich daraus für Anleger, und welche Möglichkeiten bieten sich an, sich gegen die Risiken abzusichern?

Matarrelli: Im Hinblick auf die Investitionsperspektive gibt es zwei Besonderheiten der Inflation, die die Investitionsrendite beeinträchtigen können: Die Inflation hat eine kumulative Wirkung und ist ein Prozess mit langem Gedächtnis, weshalb ihre Auswirkungen anhaltend sind. Diese beiden Eigenschaften implizieren, dass selbst wenn die Inflation kurzfristig stabil und niedrig ist, ihre langfristigen Auswirkungen und die Unsicherheit ihres Verhaltens erhebliche Auswirkungen auf die Renditen der Anlageklassen haben können. Der effizienteste Weg, sich gegen das Risiko einer unerwarteten Inflation abzusichern, ist ein Anlageprozess, der in der Lage ist, das vorherrschende Makro-Regime und den Zustand der Marktvolatilität zu erkennen.

BOND MAGAZINE: Welche Chancen ergeben sich andererseits aus Ihrem Inflationsszenario und inwieweit haben Sie Ihren Fonds darauf eingestellt?

Matarrelli: Letztlich besteht unser Investmentprozess darin, die richtige Kombination von Anlageklassen zu finden, die die Inflation als Risiko strategisch berücksichtigt. Im Moment befindet sich die Inflation nach unserem Referenzrahmen in einem Übergangsstadium. Eine wichtige Konsequenz ist die Berücksichtigung von Rohstoffen in den Portfolios.

BOND MAGAZINE: Was sind Ihrer Meinung nach die Folgen für die Märkte, wenn die Zentralbanken zu spät auf das Inflationsthema reagieren?

Matarrelli: Das Risiko einer unerwarteten Inflation und einer Zentralbank, die zu spät reagiert und dann gezwungen ist, den geldpolitischen Kurs zu korrigieren, ist in den Vereinigten Staaten eher denkbar. Ein geldpolitischer Fehler der Fed könnte systemische Auswirkungen haben und an den Märkten eine Phase des starken Risk-Offs auslösen, in der Anleihen und Aktien gleichzeitig fallen. Unserer Meinung nach ist das Eintreten dieses Szenarios aber unwahrscheinlich.

BOND MAGAZINE: Generell sehen wir, dass die Preise für Baumaterialien und Rohstoffe stark steigen, was sich in den Inflationszahlen so nicht niederschlägt. Könnte es sein, dass wir nicht die richtigen Datenquellen haben, um die Inflation genau zu messen?

Matarrelli: Es gibt eine starke Debatte über die Messung der Inflation im Zeitalter der Pandemie. Es ist sehr schwierig, genaue Konsumdaten in Echtzeit zu haben. Während sich das Konsumverhalten in normalen Zeiten nur langsam ändert, haben die sektoralen Abschottungsmaßnahmen unter Covid die Präferenzen der Verbraucher dramatisch verschoben. Aber auch wenn die Messung der Inflation während der Pandemie ungenau sein kann, ist die Richtung der Inflation doch eindeutig, was daher nicht zu groben politischen Fehlern führen sollte. Generell sollten sich die Zentralbanken auf die mittelfristigen Auswirkungen konzentrieren, die die Pandemie auf die Inflation haben könnte, falls sich die Wirtschaft nicht rasch erholt und zu ihrem Vorkrisentrend zurückkehrt.

www.fixed-income.org
Foto: Maria Luisa Matarrelli
© Eurizon



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