Die US-Midterms bringen eine neue politische Ausgangslage in Washington und werfen Fragen nach den wirtschafts- und finanzpolitischen Konsequenzen für die verbleibende Amtszeit von Donald Trump auf. Drei CIOs von Federated Hermes analysieren den Wahlausgang, ordnen die möglichen Auswirkungen auf die US-Wirtschaft und die Finanzmärkte ein und erläutern, welche Implikationen sich daraus für Anleger ergeben:
Steve Chiavarone, CIO Global Equities
Vor den US-Zwischenwahlen gingen wir davon aus, dass lediglich zwei mögliche Wahlausgänge eine grundlegende Neuausrichtung der Geld- und Fiskalpolitik nach sich ziehen könnten: ein deutlicher Wahlsieg der Republikaner oder eine sogenannte „blaue Welle“ der Demokraten, die ihnen ausreichend große Mehrheiten verschafft hätte, um Filibuster und präsidentielle Vetos zu überwinden. Zwar ist es den Demokraten gelungen, die Mehrheiten in beiden Kongresskammern zurückzugewinnen, die erzielten Sitzverhältnisse dürften jedoch nicht ausreichen, um das zweite Szenario zu ermöglichen.
An den Aktienmärkten dürfte es in den kommenden Wochen zwar zu erhöhter Volatilität kommen, mittel- bis langfristig rechnen wir jedoch mit steigenden Kursen. Historisch betrachtet erwiesen sich die zwölf Monate nach den US-Zwischenwahlen als besonders positiv für US-Aktien. So liegt der letzte Fall, in dem der S&P 500 in diesem Zeitraum eine negative Rendite erzielte, bereits 88 Jahre zurück. Die durchschnittliche Wertentwicklung betrug rund 14 Prozent. Dafür gibt es mehrere Erklärungsansätze: Zum einen könnte ein schwaches Wahlergebnis die Partei des amtierenden Präsidenten dazu veranlassen, wirtschaftspolitische Maßnahmen zu ergreifen, um ihre Chancen bei der nächsten Präsidentschaftswahl zu verbessern. Zum anderen begrenzt eine geteilte politische Macht die Wahrscheinlichkeit weitreichender Gesetzesvorhaben, die an den Märkten für Verunsicherung sorgen könnten. Gleichzeitig steigen die Chancen auf die Verabschiedung moderater fiskalischer Impulse.
Auch wenn die aktuelle Unsicherheit und die veränderten politischen Mehrheitsverhältnisse an den Märkten kurzfristig für Verunsicherung sorgen dürften, haben die US-Zwischenwahlen in der Vergangenheit keine grundlegenden Verwerfungen ausgelöst. Auch diesmal rechnen wir nicht mit einem solchen Szenario. Stattdessen richten wir unseren Blick über die kurzfristigen politischen Turbulenzen hinaus auf die strukturellen Anlagechancen, die sich aus dem robusten Wirtschaftswachstum, den umfangreichen Infrastrukturinvestitionen und einem möglicherweise außergewöhnlich starken Gewinnzyklus ergeben.
Deborah Cunningham, CIO Global Liquidity Markets
So sieht ein Doppelwumms aus: Die Demokraten haben bei den Midterms einen Überraschungserfolg eingefahren, mit dem zu Jahresbeginn kaum jemand gerechnet hatte. Nach dieser blauen Welle steht fest, dass Washington in den meisten Fragen politisch gespalten sein wird. Das führt in der Regel zu einer Blockade neuer Gesetzesvorhaben. Die Finanzmärkte sehen ein solches Umfeld traditionell positiv, weil die Unwägbarkeiten abnehmen.
Bei Liquiditätsanlegern liegen die Dinge jedoch anders: Sie orientieren sich vor allem an der Fed, deren Zentrale ein Stück weiter die National Mall hinunter vom Kapitol liegt. Und an der Einschätzung der Fed dürfte sich nichts geändert haben. Angesichts der hartnäckig hohen Inflation hätte sie die Zinsen womöglich schon im Oktober gern angehoben, doch die Sitzung lag wohl zu nah am Wahltermin. Diese Zurückhaltung und die Tatsache, dass die Fed-Vertreter in ihren Wirtschaftsprojektionen vom September eine weitere Anhebung für 2026 in Aussicht gestellt haben, sprechen für einen Zinsschritt um einen Viertelprozentpunkt im Dezember. Das Zielband für den Leitzins läge dann bei 4,00 bis 4,25 Prozent.
Für Geldmarktanleger wäre dieses Szenario Musik in den Ohren, denn die Renditen der meisten Liquiditätsprodukte dürften im Gleichschritt mit den Zinserhöhungen der Fed steigen. Eine weitere Straffung im Jahr 2027 ist zudem wahrscheinlich. Der Grund: Weil geldpolitische Maßnahmen nur mit Verzögerung auf die Gesamtwirtschaft durchschlagen, könnte die Inflation noch mehrere Quartale lang nicht zurückgehen. Außerdem passt die Fed ihre Geldpolitik eher in Zyklen an als in vereinzelten Schritten. Doch selbst wenn die Zinsen auf dem aktuellen Niveau verharren, dürften Liquiditätsprodukte nach unserer Einschätzung attraktiv bleiben.
R.J. Gallo, CIO Global Fixed Income
Eine der wichtigsten Folgen der blauen Welle in Repräsentantenhaus und Senat dürfte sein, dass der ungebremste Vormarsch der künstlichen Intelligenz auf den Prüfstand kommt. Wir gehen davon aus, dass beide Kammern nun versuchen könnten, KI auf Bundesebene einzuhegen und zu regulieren. Hinzu kommen mehr gleichgesinnte Demokraten in den Bundesstaaten, was den bremsenden Effekt noch verstärken würde.
Riskante Anlageklassen zeigen ohnehin bereits erste Risse, weil Zweifel wachsen, ob sich die gewaltigen KI-Investitionen auszahlen. Sollten sowohl Washington als auch einzelne Bundesstaaten dem Ausbau von Rechenzentren künftig weniger wohlwollend gegenüberstehen, könnte das den Schub bremsen, den KI derzeit Wachstum und Unternehmensgewinnen verleiht. Zugleich könnte eine Eindämmung der KI-Expansion Anleihen zugutekommen, sofern sich Wirtschaftswachstum und Inflation moderat abschwächen.
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