Amundi, der größte europäische Vermögensverwalter, legt seine Responsible Investment Views 2026 vor. Amundi erläutert darin, wie geopolitische Neuausrichtungen sowie Klima- und Technologietrends die Anlageprioritäten und -allokationen für das kommende Jahr neu prägen sollten.
Im vergangenen Jahr war im Anleihebereich eine Normalisierung verantwortungsbewusster Investitionen zu verzeichnen. Bei Aktien wurden Mittel von Strategien mit restriktiven Auswahlkriterien hin zu Ansätzen mit geringem Tracking Error verlagert. Die Neukalibrierung bei Klima-Investments führte zu einer Stärkung des Stewardship. Gleichzeitig haben sich Unternehmen stärker auf Anpassungsmaßnahmen fokussiert.
„Verantwortungsbewusstes Investieren entwickelt sich von einer Vision zur Realität“, erklärt Elodie Laugel, Chief Responsible Investment Officer bei Amundi. „Die Erwartungen an die Unternehmensführung, insbesondere in Europa, wachsen. Der Fokus liegt zunehmend darauf, Kapital in wirksame Klimaschutzlösungen mit messbaren Auswirkungen zu lenken. 2026 wird sich der Fokus über das Thema Transition hinaus auf Kernfragen der Resilienz und der Erhaltung des Naturkapitals ausweiten. Angesichts steigender physischer Risiken und einer rasanten Transformationsgeschwindigkeit der Energiesysteme wird der Fokus von Führungskräften darauf liegen, entschlossen und in großem Maßstab zu handeln, um strategische Autonomie und dauerhafte finanzielle Resilienz zu sichern.“
Sechs Schwerpunktthemen für 2026:
1. Die Herausforderungen bei sauberer Energie haben sich von Kapazitätserweiterungen auf die Systemintegration verlagert.
Die weltweite Stromnachfrage steigt rapide an. Die IEA erwartet bis 2027 ein Wachstum von 4 % und einen Anstieg um 3.500 TWh, wobei mehr als 90 % dieses Wachstums auf erneuerbare Energien zurückzuführen sein werden (IEA Energy and AI). Die Kohlenstoffintensität börsennotierter Unternehmen sank weltweit im Jahresvergleich um rund 8 %, sodass der Peak für den Höchststand der energiebezogenen Emissionen ungewiss bleibt. Da erneuerbare Energien zunehmend kostengünstiger werden, sind nun die Netze, eine höhere Flexibilität, die Speicherung und die schnellere Anbindung entscheidende Faktoren, die durch politische Maßnahmen (Genehmigungen, Anschlusswartelisten, Marktregeln) gefördert werden müssen. Für Investoren ist die Erschwinglichkeit für Endverbraucher ein zunehmend wichtiger Faktor, da Integrationsfehler oder regulatorische Verzögerungen zu höheren Rechnungen und einer langsameren Einführung führen können.
2. Strategische Autonomiebestrebungen fragmentieren die Energielandschaft.
Regierungen verlagern wichtige Lieferketten zurück ins eigene Land, um die Widerstandsfähigkeit zu stärken: von sauberen Technologien und kritischen Mineralien bis hin zu Teilen der fossilen Wertschöpfungskette. Europa priorisiert Schnelligkeit, also einen raschen Netzausbau, Flexibilität und heimische saubere Technologien. Die USA setzen auf Anreize und Lokalisierung, senden jedoch gemischte Signale: Das Lastwachstum durch die Künstliche Intelligenz und die Elektrifizierung treiben den Kapazitätsbedarf in die Höhe, während volatile Gas-/LNG-Märkte und exportorientierte Infrastrukturen für Preisdruck sorgen und das Risiko von Lock-in-Effekte bergen. Asien, angeführt von China, dominiert bereits die Herstellung von Clean-Tech-Produkten. Für viele asiatische Länder ist die Notwendigkeit einer nachhaltigen Energiewende klar. Sie bietet Klimaresilienz, Energieunabhängigkeit und wirtschaftliche Chancen.
3. Die Anpassung an den Klimawandel ist für Investoren mittlerweile ebenso unerlässlich wie die Energiewende.
Angesichts der zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels legen Investoren den Schwerpunkt auf Anpassungsmaßnahmen. 60 % der Unternehmen rechnen in den nächsten fünf Jahren mit erheblichen finanziellen Auswirkungen durch physische Risiken. Um Risiken besser zu managen und gleichzeitig die Dekarbonisierungsziele zu verfolgen, müssen Investoren Klimarisikoanalysen, einschließlich der Risiken in der Lieferkette, in ihre Due-Diligence-Prüfungen und die Vermögensallokation einbeziehen (Enquête Sustainable Signals 2025 von Morgan Stanley). Vorrang ist dabei der Entwicklung von aktuell noch unterentwickelten Kennzahlen – auch zum Management von Tail-Risiken – einzuräumen.
4. Naturkapital rückt in den Fokus verantwortungsbewusster Investoren.
Die weltweiten jährlich Finanzierungen in Naturkapital belaufen sich auf insgesamt 200 Milliarden US-Dollar, müssten sich aber bis 2030 verdreifachen. Privates Kapital, das derzeit nur 18% der Finanzströme ausmacht, ist für die Skalierung der Investitionen von entscheidender Bedeutung (UNEP State of Finance for Nature - Restoration Finance Report). Der direkteste Weg für Investoren führt über reale Vermögenswerte wie Wälder, Ackerland und Wasserrechte, die durch nachhaltige Nutzung (Emissionszertifikate, Holz, Landwirtschaft) Renditen erzielen und zunehmend in fortschrittliche Portfolios integriert werden. Um das Wachstum zu beschleunigen, können Finanzinstrumente wie Green Bonds, Debt-for-Nature-Swaps und Impact Bonds zusätzliches Kapital in diese Vermögenswerte lenken. Beide Kanäle können überzeugende risikobereinigte Renditen mit Wirkung bieten.
5. Die Künstliche Intelligenz definiert verantwortungsbewusstes Investieren neu.
KI verbessert die Nachhaltigkeitsanalyse, beschleunigt die Datenerfassung und liefert neue qualitative Erkenntnisse, birgt jedoch auch die Gefahr, dass sich soziale Unterschiede vergrößern und die Arbeitswelt insbesondere in alternden Branchen disruptiv verändert. Chancen dürften sich in integrierten Gesundheits-/Pflegeplattformen, Robotik/Automatisierung für arbeitsintensive Dienstleistungen und einer altersgerechten digitalen Infrastruktur bieten. Im Jahr 2026 werden sich auch die regulatorischen Konfliktlinien im Bereich KI, wie Ethik und regionale Unterschiede, herauskristallisieren und Investoren dazu zwingen, ihr Kapital in sozial und wirtschaftlich sinnvolle Anwendungsfälle zu verlagern.
6. 2026 öffnet sich ein Zeitfenster, um verantwortungsbewusste Anlagen mit Anlegerpräferenzen besser in Einklang zu bringen.
Die starke Nachfrage im Privatkundenbereich, insbesondere von jüngeren Anlegern, wird durch unklare Produktkennzeichnungen, Herausforderungen in der Beratung und komplexe Offenlegungspflichten gebremst. In Europa könnte das Jahr 2026 einen Wendepunkt darstellen: Die Sustainable Finance Disclosure Regulation 2.0 (SFDR – Offenlegungsverordnung) in Verbindung mit der technischen Angleichung der EU-Finanzmarktrichtlinie MiFID II und die Versicherungsvertriebsrichtlinie IDD kann die Kennzeichnung vereinfachen und die Komplexität der Beratung verringern, um das Engagement von Privatkunden zu ermöglichen, vorausgesetzt, die Produktkategorisierungen sorgen für eine echte Produkt-Markt-Passung.
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