Die vergangenen drei Monate waren an den Kapitalmärkten vor allem von zwei Faktoren geprägt: geopolitischen Spannungen und dem starken Anstieg der Energiepreise. Der Energiepreisschock ist ein Angebotsschock, der Aufwärtsdruck auf Inflation und Inflationserwartungen erzeugt und zugleich das Wirtschaftswachstum belastet. Genau diese Kombination macht das aktuelle Umfeld für Märkte und Zentralbanken besonders anspruchsvoll.
Trotz Energiepreisschock und geopolitischer Risiken bleiben viele Emittenten robust aufgestellt
Bislang ist der Schock jedoch noch nicht nennenswert auf die globale Realwirtschaft durchgeschlagen, auch weil Lagerbestände als Puffer genutzt werden konnten. Gleichzeitig halten sich die Unternehmensgewinne insgesamt gut. Die jüngste Berichtssaison war robust, wenn auch mit einer gewissen Streuung zwischen den Unternehmen. Damit bleiben die Fundamentaldaten der Emittenten im europäischen High-Yield-Markt trotz der erheblichen Unsicherheit rund um den Energiepreisschock bislang belastbar.
Vor diesem Hintergrund agieren die Zentralbanken vorsichtig. Der Energiepreisschock ist außergewöhnlich stark, könnte aber auch nur von kurzer Dauer sein, falls es zu einer politischen Einigung zwischen den USA und dem Iran kommt. Als Angebotsschock wirkt er zudem in zwei Richtungen: Er erzeugt Aufwärtsdruck auf Inflation und Inflationserwartungen, belastet aber zugleich das Wachstum. Die Europäische Zentralbank und die US-Notenbank müssen daher sorgfältig abwägen, wie stark sich der Energiepreisschock tatsächlich auf Inflation und Wachstum überträgt.
Aus unserer Sicht ist 2026 jedoch keine Wiederholung eines aggressiven EZB-Zinserhöhungszyklus wie 2022 zu erwarten. Damals lag die Inflation im Euroraum bereits vor Beginn des Ukrainekriegs deutlich über dem EZB-Ziel. Hinzu kam, dass die Zinsen sehr niedrig beziehungsweise negativ waren. Heute bewegen sich die Leitzinsen in der Eurozone etwa auf neutralem Niveau. Auch bei der Fed liegt die Hürde für Zinserhöhungen aus unserer Sicht hoch, da die Zinsen in den USA bereits oberhalb des neutralen Niveaus liegen.
Renditen von über fünf Prozent machen europäische High-Yield-Anleihen wieder attraktiv
Für den europäischen High-Yield-Markt bedeutet dieses Umfeld vor allem eines: Das absolute Renditeniveau ist heute wieder deutlich attraktiver. Ende 2025 lag die durchschnittliche Rendite des europäischen High-Yield-Marktes noch bei rund 4,5 Prozent. Inzwischen liegt die Marktrendite bei über fünf Prozent. Aus historischer Sicht bleibt das ein interessantes Niveau.
Zwar sind die Credit Spreads wieder eng: Sie haben die Ausweitung vom März vollständig zurückgenommen und liegen wieder nahe an den Niveaus vor der jüngsten Eskalation. Gleichzeitig sprechen aus unserer Sicht mehrere Faktoren weiterhin für eine konstruktive Einschätzung des Marktes. Dazu zählen eine erwartete graduelle Deeskalation im Nahen Osten und eine schrittweise Wiederöffnung der Straße von Hormus. Zugleich dürfte die Unsicherheit kurzfristig hoch bleiben.
Entscheidend bleibt aus unserer Sicht die Frage, ob das globale Wachstum den aktuellen Energiepreisschock verkraften kann. Unsere Einschätzung bleibt positiv, auch wenn die Unsicherheit weiterhin erheblich ist.
Ein wichtiger Grund dafür ist der Investitionszyklus rund um künstliche Intelligenz. Vor allem in den USA treibt KI einen umfangreichen Investitionszyklus. Zugleich könnte KI die Arbeitsproduktivität erhöhen und damit als positiver Angebotsschock einen Gegenpol zum negativen Angebotsschock durch den Ölpreisanstieg bilden. Vor diesem Hintergrund könnte sich das globale Wachstum 2026 trotz der erheblichen Unsicherheit rund um den Energiepreisschock als widerstandsfähig erweisen.
Zusätzlich bleibt die Fiskalpolitik ein wichtiger Rückenwind für das Wirtschaftswachstum. In mehreren Ländern, darunter den USA, Deutschland und Japan, sind umfangreiche staatliche Ausgaben geplant. Diese Faktoren stützen das Wachstum.
Bankensektor, Carry und Selektion: Wo wir im High-Yield-Markt Chancen sehen
Innerhalb des europäischen High-Yield-Marktes bevorzugen wir derzeit insbesondere den Bankensektor. Europäische Banken sind bei Kapitalisierung und Profitabilität historisch stark aufgestellt. Vor allem nachrangige Bankanleihen, insbesondere AT1- und Tier-2-Papiere, bieten aus unserer Sicht weiterhin attraktive Renditen bis zum ersten Call-Termin im Verhältnis zur Kreditqualität der Emittenten. Zwar reagieren diese Instrumente etwas empfindlicher auf Zinsvolatilität, doch die Emittenten selbst verfügen über Investment-Grade-Ratings.
Im Portfolio setzen wir insgesamt auf ein attraktives Carry-Profil und eine selektive Titelauswahl. Gerade im Single-B-Bereich bleibt die Auswahl einzelner Emittenten ein wichtiger Treiber der Wertentwicklung. Bei Strategien mit Fokus auf kurze Laufzeiten achten wir zudem auf eine begrenzte Duration, um die Sensitivität gegenüber Bewegungen risikofreier Zinsen kontrolliert zu halten. Eine breite Diversifikation bleibt wichtig. Zugleich sollte ein Portfolio nicht zu stark fragmentiert sein, damit einzelne Positionen weiterhin sorgfältig analysiert und überwacht werden können.
Insgesamt bleiben wir gegenüber europäischen High-Yield-Anleihen konstruktiv. Aus unserer Sicht bietet der Markt weiterhin Chancen für aktive Investoren. Dafür sprechen das höhere absolute Renditeniveau, bislang robuste – wenn auch unterschiedlich ausgeprägte – Fundamentaldaten der Emittenten, unterstützende technische Marktfaktoren und begrenzte Ausfallraten. Gleichzeitig bleibt das Umfeld von Unsicherheit, Volatilität und geopolitischen Risiken geprägt. Entsprechend gewinnt die aktive Auswahl von Einzeltiteln und Emittenten weiter an Bedeutung.
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