Zölle könnten in den kommenden Monaten erneut zu einem zentralen Marktthema werden. Obwohl sie nach den starken Marktturbulenzen, die Donald Trumps Zollankündigungen 2025 ausgelöst hatten, aus dem Blickfeld der Anleger geraten sind, deuten mehrere Entwicklungen darauf hin, dass das Thema bald wieder in den Vordergrund rücken könnte. Die republikanische Regierung musste bislang einige rechtliche Rückschläge in ihrer Handelspolitik hinnehmen und Präsident Trump hat seine Aufmerksamkeit weitgehend auf andere Prioritäten verlagert. Dennoch ist die eigentliche Begründung für höhere Zölle nicht verschwunden.
Die US-Staatsfinanzen verschlechtern sich weiter, obwohl Zölle als Mittel zur Verbesserung der Haushaltslage des Landes dargestellt werden. Das US-Handelsdefizit stieg im Mai auf 77 Milliarden US-Dollar – eines der höchsten Defizite abgesehen von der Corona-Krise – während das Leistungsbilanzdefizit im ersten Quartal 226 Milliarden US-Dollar erreichte und damit deutlich über den erwarteten 208 Milliarden US-Dollar lag (Quelle: Bloomberg, März 2026). Der Ausblick dürfte sich in Zukunft kaum wesentlich verbessern, da US-Technologieunternehmen weiterhin große Mengen an hochentwickelten Halbleitern aus Taiwan und Südkorea importieren.
Auch einige wichtige politische Meilensteine im Laufe des Sommers könnten Handelsfragen wieder in den Fokus rücken. Die USA haben beschlossen, das derzeitige Abkommen zwischen den USA, Mexiko und Kanada (USMCA) nicht zu verlängern, sondern stattdessen jährliche Verhandlungen zu führen. Die nächste Verhandlungsrunde ist für den 20. Juli in Mexiko-Stadt angesetzt.
Eine weitere wichtige Frist läuft Ende Juli ab. Die vorübergehenden Zölle in Höhe von 10 %, die Donald Trump eingeführt hatte, nachdem der Supreme Court entschieden hatte, dass die im Rahmen des „International Emergency Economic Powers Act“ (IEEPA) verhängten Zölle rechtswidrig seien, laufen aus. Es wird erwartet, dass sie durch neue Maßnahmen ersetzt werden, höchstwahrscheinlich gemäß Abschnitt 301 des „Trade Act“ von 1974.
Auch die Beziehungen zu Europa könnten sich als herausfordernd erweisen. Zwar haben sich die EU und die USA im Juni darauf geeinigt, die Zölle auf 15 % zu begrenzen, doch scheint diese Vereinbarung fragil zu sein. Seitdem hat Donald Trump wiederholt dem europäischen Automobilsektor gedroht. Auch die Besteuerung digitaler Dienstleistungen, insbesondere mit Frankreich, bleibt eine potenzielle Quelle für Spannungen.
Gegen Ende des Sommers könnte sich die Aufmerksamkeit dann wieder auf China verlagern. Der derzeitige Handelsfrieden läuft im November aus, und die Verhandlungen dürften nach dem Sommer wieder aufgenommen werden.
Insgesamt deuten diese Entwicklungen darauf hin, dass Zölle erneut zu einem zentralen Thema auf der Agenda der republikanischen Regierung werden könnten. Angesichts der bevorstehenden US-Zwischenwahlen bleibt die Handelspolitik ein Thema, das bei der politischen Basis von Präsident Trump großen Anklang findet. Auch Grönland ist wieder zu einem geopolitischen Diskussionsthema geworden, was die erneute Konzentration der Regierung auf strategische Fragen unterstreicht.
Ob diese Entwicklungen die Finanzmärkte wesentlich beeinflussen werden, bleibt ungewiss. Vieles wird vom Ausgang der bevorstehenden Verhandlungen abhängen. Allerdings würden erneute Handelsspannungen mit ziemlicher Sicherheit die Unsicherheit an den Märkten verstärken und könnten zu einer weiteren Volatilität führen – und das zu einer Zeit, in der die globalen Lieferketten weiterhin unter Druck stehen.
Asset Allokation
Obwohl das Risiko erneuter Handelsspannungen steigt, bevorzugen wir weiterhin Aktien und das kurze Ende der Zinsstrukturkurve. Diese Positionierung wird durch niedrigere Ölpreise, eine Berichtssaison, die solide Ergebnisse liefern dürfte, und eine weiterhin weitgehend neutrale Anlegerpositionierung gestützt.
Im Gegensatz dazu sind wir am langen Ende der Zinsstrukturkurve vorsichtiger. Anleihen mit langer Laufzeit gehörten zu den am stärksten betroffenen Anlageklassen während der letzten Eskalation der Handelsspannungen zu Jahresbeginn. Jede neue Unsicherheit hinsichtlich der US-Handelspolitik könnte die langfristigen Renditen erneut unter Aufwärtsdruck setzen.
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