Wer in Bukarest Blut spendet, bekommt als Dankeschön die Chance, Anleihen zu zeichnen. Was wie eine Kuriosität wirkt, steht für einen größeren Trend: Staaten suchen neue Käufer für ihre Schulden. Jörg Held, Head of Portfolio Management bei ETHENEA Independent Investors S.A., erklärt, warum Anleger bei Staatsanleihen heute genauer hinschauen sollten, wofür sie eine Risikoprämie erhalten.
Mit der ungewöhnlichen Aktion begibt der rumänische Staat Anleihen aus einer speziellen Tranche, verzinst mit bis zu sieben Prozent. Die Mindestanlage für Blutspender wurde dafür eigens von 5.000 Lei auf 500 Lei gesenkt. Damit löst Rumänien gleich zwei Probleme auf einmal: zu wenig Spenderblut und zu wenig Geld in der Staatskasse. Seit Anfang 2025 hat das Blut-für-Bonds-Programm rund 2,8 Milliarden Lei von zehntausenden Kleinanlegern eingesammelt, umgerechnet etwa 604 Millionen US-Dollar.
Staaten suchen neue Käufer
„Rumänien ist kein Einzelfall. Staaten bemühen sich wieder stärker um Käufer ihrer Anleihen und nehmen dabei die eigenen Bürger in den Blick“, sagt Held. Italien etwa legt eigene Anleihen für Privatanleger auf. Japan und Brasilien verkaufen Staatspapiere direkt an ihre Bürger. Das Muster ist gleich: Die verlässlichen Großkäufer wie Notenbanken ziehen sich zurück und bauen ihre Bestände ab, statt nachzukaufen. Gleichzeitig wachsen die Haushaltsdefizite.
„Wer mehr Schulden verkaufen muss und weniger Großabnehmer findet, wendet sich an den eigenen Bürger als treuen Gläubiger. Er kauft regelmäßig und verkauft selten in Panik“, so Held. Japan zeige seit Jahrzehnten, wie belastbar ein Anleihemarkt ist, dessen Papiere überwiegend im eigenen Land gehalten werden.
Der Preis der Rendite
Die rund sieben Prozent Zinsen für rumänische Staatsanleihen haben allerdings ihren Preis. Sie sind eine Risikoprämie. Rumäniens Defizit lag 2025 bei 7,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, dem höchsten Wert in der Europäischen Union (EU). Moody's bewertet das Land nur mit Baa3, eine Stufe über dem spekulativen Bereich. Hohe Zinsen für den Bürger bedeuten gleichzeitig hohe Kosten für den Staat. „Hohe Renditen sind nie ein Geschenk, sondern immer Ausdruck eines Risikos. Anleger sollten deshalb genau verstehen, wofür sie die Prämie erhalten“, ordnet der Portfolio Manager ein.
Auch Europa ist nicht immun
Europa differenziert Staatsrisiken wieder deutlich stärker. Frankreich zahlt für zehnjährige Staatsanleihen inzwischen mehr als einen Prozentpunkt Aufschlag gegenüber Deutschland – so viel wie seit der Eurokrise nicht mehr. Investoren lassen sich hohe Schulden, ein Defizit deutlich über der EU-Grenze und eine Regierung ohne stabile Mehrheit bezahlen.
Deutschland steht bislang besser da, zudem hat der Bund das Privatkundengeschäft mit Bundesschatzbriefen bereits 2012 eingestellt. „Mit dem steigenden Finanzierungsbedarf für Infrastruktur und Verteidigung könnte jedoch auch hier die Frage nach dem Bürger als Gläubiger wieder an Bedeutung gewinnen“, sagt Held. Schließlich liegen rund 3,6 Billionen Euro deutscher Ersparnisse auf Konten, die meist wenig Zins bieten.
Was das für Anleger bedeutet
Für Anleger eröffnet das aktuelle Umfeld Chancen: Renditen befinden sich auf dem höchsten Stand seit zwei Jahrzehnten, gleichzeitig unterscheiden die Märkte wieder deutlich stärker zwischen soliden und riskanteren Emittenten. Held resümiert: „Das Beispiel Frankreich zeigt, Anlegern wird die Bonität eines Schuldners zunehmend wichtiger als die Höhe des Kupons. Wer Staatsanleihen kauft, sollte wissen, wofür er die Prämie bekommt.“
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