Bei Investments in China klaffen Wahrnehmung und Realität derzeit oft auseinander. Trotz Marktunsicherheiten zeigen sich die makroökonomischen Fundamentaldaten bemerkenswert solide – was sich nicht zuletzt am Kreditmarkt widerspiegelt: Die Rendite zehnjähriger chinesischer Staatsanleihen liegt bei moderaten 1,7% (US-Pendants: 4,6%). Zudem punktet das Land im internationalen Vergleich mit einer niedrigen Schuldenquote, hohen Ersparnissen der privaten Haushalte und einer stabilen Inflation von lediglich 1% im Juni.
Ein wesentlicher Stabilitätsanker Chinas ist seine hohe Energieautarkie: Dank immenser Kohlevorkommen und der Führungsposition bei erneuerbaren Energien zeigt sich das Land gegen die ökonomischen Schocks des Iran-Kriegs weitgehend immun. Als weltweiter Pionier bei Green Tech und Elektromobilität dürfte China vom globalen Nachfrageschub sogar überproportional profitieren. Dennoch bleibt die Diskrepanz zum Kapitalmarkt eklatant: Während die Realwirtschaft – getragen von wettbewerbsfähigen Top-Konzernen – im zweiten Quartal 2026 um solide 4,7% wuchs, verharren die chinesischen Aktienmärkte weiterhin auf historisch niedrigen Bewertungsniveaus.
Der lange Schatten der Immobilienkrise
Der spürbarste Gegenwind für die chinesische Wirtschaft bleibt das Erbe der Immobilienkrise von vor fünf Jahren. Seit dem Höchststand der Wohnimmobilienpreise im dritten Quartal 2021 haben der Bausektor und seine angrenzenden Branchen spürbar an gesamtwirtschaftlicher Bedeutung verloren. Gleichwohl belasten die Altlasten weiterhin die Bilanzen von Privathaushalten, Unternehmen und Kommunen. Der fortwährende Fokus auf den Schuldenabbau drückt auf das Verbrauchervertrauen und verstärkt das deflationäre Umfeld – eine Dynamik, die sich nur schwer durchbrechen lässt.
Seit ihrem Höchststand haben sich die Immobilieninvestitionen nahezu halbiert. Dies belastet nicht nur die Sachinvestitionen, wozu die Ausgaben für Gebäude, Infrastruktur und Maschinen zählen, sondern dämpft auch die Beschäftigung und das Gesamtwachstum. Gleichzeitig verzeichnet der Wohnungsneubau einen Rückgang von 70 bis 75 Prozent, während die Immobilienpreise landesweit vom Spitzenwert bis zum Tiefpunkt um geschätzte 20 bis 40 Prozent nachgegeben haben.
Mehrere Indikatoren deuten jedoch darauf hin, dass der Sektor die Talsohle erreicht hat. Der Marktüberhang an unverkauften Wohnungen beginnt sich allmählich abzubauen. Dazu tragen sowohl die stark reduzierte Bautätigkeit als auch gezielte staatliche Ankäufe ausgewählter Bestände für den sozialen Wohnungsbau bei.
Ein Apartment mit Meerblick in Huizhou ist bereits für etwa 130 US-Dollar im Monat zu mieten. Gemessen am durchschnittlichen Einstiegsgehalt chinesischer Hochschulabsolventen von rund 952 US-Dollar monatlich entspricht dies einem außergewöhnlich niedrigen Mietniveau. Ursache hierfür ist ein strukturelles Überangebot an Wohnraum im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Es verdichten sich jedoch die Anzeichen, dass sich dieses Marktungleichgewicht allmählich auflöst. Huizhou verzeichnet einen kontinuierlichen Zuzug junger Fachkräfte, von denen viele ortsunabhängig arbeiten und das günstige Verhältnis von Lebensqualität und Lebenshaltungskosten schätzen. Das deutliche Preisgefälle zu den benachbarten Metropolen erweist sich dabei als wesentlicher Treiber dieser Entwicklung.
Entwicklungen wie diese deuten darauf hin, dass die Korrektur am chinesischen Immobilienmarkt ihren Scheitelpunkt hinter sich haben könnte. Angebot und Nachfrage pendeln sich schrittweise wieder ein, während sich Preise und Mieten regional auf niedrigem Niveau stabilisieren.
Die Schwäche des Immobiliensektors veranlasst viele Haushalte zudem zu einer Neuausrichtung ihrer Vermögensanlage. Da der heimische Aktienmarkt bislang nur einen geringen Anteil am Vermögen chinesischer Privatanleger ausmacht, dürfte dieses Segment künftig deutlich an Attraktivität gewinnen.
www.fixed-income.org
