Die heutige Zinserhöhung der EZB war nie das eigentliche Hauptereignis. Die größere Frage lautet vielmehr: Wohin steuert die EZB von hier aus?
Die aktualisierten Stabsprojektionen unterstreichen eine zentrale Botschaft: Die Währungshüter rechnen bis 2028 mit hartnäckigerer Inflation – bei zugleich erhöhter Unsicherheit. Die alternativen Szenarien der EZB verdeutlichen, wie herausfordernd die Einschätzung der Beharrlichkeit des jüngsten Preisdrucks weiterhin ist. EZB-Präsidentin Christine Lagarde legte sich nicht auf einen weiteren Zinsschritt fest, vermied es aber ebenso, den Kampf gegen die Inflation für gewonnen zu erklären.
Die Sorgen über Angebotsstörungen im Zusammenhang mit den Spannungen in Nahost und steigende Energiepreise halten an. Die Notenbanker bleiben umsichtig mit Blick auf das Risiko, dass höhere Energiekosten auf die Lohnentwicklung und breitere Preissteigerungen durchschlagen könnten – auch wenn die Anzeichen für solche „Zweitrundeneffekte“ bislang begrenzt sind.
Unseres Erachtens hat die EZB sowohl ihre Neigung zu einer weiteren Zinsstraffung beibehalten als auch ihre Flexibilität gewahrt. Mit dem heutigen Schritt liegen die Leitzinsen nun am geschätzten oberen Ende jenes neutralen Bereichs, der die Konjunktur weder ankurbelt noch bremst. Sollten die energiebedingten Preisrisiken anhalten, könnte es unseres Erachtens noch in diesem Jahr zu einer weiteren Zinserhöhung auf 2,75% kommen. Die EZB würde damit die neutrale Zone verlassen und die Geldpolitik in restriktives Terrain führen. Zinserhöhungen auf oder über 3,00% erscheinen uns jedoch ohne klare Hinweise auf anhaltende Zweitrundeneffekte bei der Inflation unwahrscheinlich.
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