Der Anstieg der Zinsen bei 30-jährigen US-Staatsanleihen zeigt nach Einschätzung von Kay Tönnes, Gründer von Antecedo Asset Management, dass sich am Markt ein massives Misstrauen aufbaut. Er verweist darauf, dass es selbst für den US-Anleihemarkt so etwas wie eine maximale Größe gebe, bis zu der der Rest der Welt bereit sei, US-Schuldtitel abzunehmen.
40 Billionen US-Dollar – so hoch war die Verschuldung der Vereinigten Staaten Anfang September. Die Entwicklung hat Folgen: „Der starke Schuldenanstieg seit dem Amtsantritt von Präsident Trump sorgt dafür, dass die Zinsen am langen Ende anziehen“, so Tönnes. Seit 2023 habe die US-Notenbank Fed damit begonnen, die Leitzinsen zu senken, weil die Inflation, die sich nach der Coronapandemie aufgebaut hatte, wieder rückläufig gewesen sei. In Folge seien die lang- und die kurzfristigen Zinsen im Gleichklang gesunken. „Die Entwicklung verlief zunächst wie aus dem Bilderbuch. Aber nach dem Amtsantritt von Donald Trump ist etwas gekippt. Die Zölle, die Kriege – damit ist Vertrauen verloren gegangen.“
Steigende Zinsen erhöhen die Schuldenlast
Dabei sei die hohe Schuldenlast in Zeiten niedrigster Zinsen noch kein großes Problem gewesen, meint Kay Tönnes: „Wenn ich Nullzinsen habe und dazu langlaufende Anleihen begeben kann, dann ist das ein Geschenk.“ Nun aber sei die Inflation zurück, und mit ihr die Zinsen. „Das Finanzministerium hat jetzt schon mehrfach interveniert, zuletzt mit der Ankündigung des „Treasury Twist“ Ende August. Dabei sollen langlaufende US-Treasuries gegen kurzlaufende T-Bills getauscht werden. Trotzdem liegt die Zinslast mittlerweile bei mehr als einer Billion US-Dollar pro Jahr, mehr als der US-Verteidigungshaushalt. Für die Märkte ist das Ganze ein Teufelscocktail.“
Angespannte Aktienmärkte
Eine große Staatsschuldenkrise wäre nicht zuletzt für die Aktienmärkte gefährlich, meint Tönnes: „Wenn die Bonität des größten Schuldners der Welt in Frage steht, ist das der Super-GAU.“ Zwar könne die FED notfalls den amerikanischen Staat immer retten, doch die Konsequenzen wären unkalkulierbar. Aber schon die steigenden Zinsen können seiner Meinung nach zu Problemen führen, etwa durch Ausfälle im Private Debt-Bereich. Die Situation sei ohnehin bereits angespannt, findet Tönnes. „Die Tech-Unternehmen haben gerade eine sehr gute Berichtssaison hinter sich, viele haben ihre Prognosen angehoben. Die Kurse von Unternehmen wie Microsoft oder Nvidia sind dann zwar auch gestiegen, aber nicht in dem Maße, wie es aufgrund der Ergebnisse zu erwarten gewesen wäre.“ Für ihn ein Zeichen dafür, dass die Investoren vorsichtig geworden sind.
Der politische Druck steigt
Gleichzeitig sieht er die Gefahr, dass der politisch bedingte Druck steige. „Wir hatten an den Aktienmärkten in den vergangenen zwei Jahren keine normale Korrektur aus wirtschaftlichen oder Bewertungsgründen. Die Einbrüche waren alle politisch getrieben: durch den Liberation Day, die Ankündigung des Zollkrieges gegen China oder den Beginn des Krieges mit dem Iran.“ Da Donald Trump schon auf das Ende seiner Amtszeit 2028 blicke, müsse er seine Nachfolge klären. Deshalb seien Überraschungen wahrscheinlich, befürchtet Kay Tönnes.
Ölpreis als möglicher Entlastungsfaktor
Ein positives Szenario wäre es, wenn es der US-Regierung gelänge, die Straße von Hormus wieder zu öffnen – entweder durch Verhandlungen oder auf militärischem Wege. „Da dann vermutlich alle Anbieter wieder versuchen würden, ihre Marktanteile zurückzugewinnen, stünden wir vor einer Ölschwemme. Der Ölpreis könnte dann bis auf 40 US-Dollar je Barrel sinken, mit entsprechenden Auswirkungen auf die Inflationsraten und letztendlich auf die Zinsen.“ Davon würden dann auch die Aktien profitieren. Allerdings ist das Szenario eher ungewiss. Eine misslungene militärische Operation könnte den Ölpreis ebenso leicht auf 120 bis 150 US-Dollar hochtreiben.
Mit Optionen absichern
Kay Tönnes rät Anlegern vor diesem Hintergrund zur Vorsicht und dazu, etwa bei Tech-Werten Gewinne mitzunehmen. Auch die Absicherung mit Optionen oder Derivaten sei sinnvoll. Antecedo habe umfassend Positionen in langlaufenden Optionen aufgebaut und sei so für jedes Marktumfeld gut aufgestellt. „Die Optionsvolatilität, also der Preis für Absicherungen, ist im Moment noch überraschend niedrig. Die Märkte sind also noch ziemlich entspannt“, stellt er fest. „Aber das Umfeld aus hohen Schulden und politischer Unsicherheit zeigt, dass etwas kommen wird.“
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