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Kann Inflation helfen?

Dr. Martin W. Hüfner, Assenagon Asset Management

Es ist eine verbreitete These, dass man durch Inflation die Last der Schulden verringern kann. Bei steigenden Preisen – so heißt es – verringert sich der Wert der Verbindlichkeiten. Der Kreditnehmer kann dann nämlich mit einem Geld zurückzahlen, das weniger wert ist als zum Zeitpunkt der Kreditaufnahme. Das gilt für Finanzminister genauso wie für private Schuldner. Es ist vor allem in Zeiten hoher Staatsschulden ein wichtiger Zusammenhang.

Daraus leiten sich bedeutsame Schlussfolgerungen ab. Zum einen müssten die Finanzminister gegenwärtig alles daran setzen, um Inflation zu fördern. Nur so könnten sie das Staatsschuldenproblem lösen, ohne stärker spa­ren zu müssen. Wir müssten uns also darauf einstellen, dass sich der Geldwert künftig verschlechtert. Zum an­deren könnten sich die Investoren diese Zusammen­hän­ge aber auch für ihre eigene Anlagepolitik zunutze ma­chen. Wenn sie Schulden aufnehmen, können sie sich gegen Inflation schützen.

Bei so wichtigen Zusammenhängen muss man freilich drei Mal hinschauen. Da darf man sich keinen Fehler er­lauben. Ist das also wirklich richtig? Ich möchte ein bisschen Wasser in den Wein gießen. So einfach wie oft behauptet, sind die Dinge leider nicht. Sie gelten nur unter bestimmten, eher restriktiven Annahmen. Es besteht daher die Gefahr von Fehlschlüssen.

Schauen wir uns zunächst das Argument etwas genauer an. Die Entwicklung der Staatsschulden in den USA in den letzten 220 Jahren (in % des Bruttoinlandsprodukts). Es gab in dieser Zeit erhebliche Schwankungen. Die größte Bewegung fand nach dem Zweiten Weltkrieg statt, als sich die Schuldenquote der USA von 120% auf 30% verringerte. Das war eine außergewöhnliche Entwicklung. Von so etwas kann ein Land wie Griechenland heute nur träumen. Die meis­ten Experten gehen derzeit davon aus, dass man von ei­ner Staatsschuldenquote von 100 % und mehr nie wieder herunterkommt. Es müsste daher zwangsläufig eine Umschuldung in Griechenland geben. Die USA haben gezeigt, dass es auch anders geht.

Wie haben sie das geschafft? Die Analysten von Morgan Stanley haben sich das genauer angesehen. Sie haben nachgewiesen: Es geschah nicht durch rigoroses Sparen der Amerikaner. Es geschah auch nicht durch ein hohes Wirtschaftswachstum (wie es manche Länder nach dem Krieg hatten). Es geschah im Wesentlichen durch Inflation. Nicht durch eine Hyperinflation, wohl aber durch eine kontinuierliche Preissteigerung von im Schnitt 4 bis 5 %. Steter Tropfen höhlt den Stein. Die Schlussfolgerung daraus: Regierungen und Zentralbanken sollten eine höhere Inflation zulassen. Dann werde sich das Staatsschuldenproblem schon lösen lassen. Es gibt inzwischen wichtige Ökonomen in den USA, die für ein Inflationsziel nicht von 2 %, sondern von 4 – 6% eintreten. So etwa der Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, Olivier Blanchard oder Kenneth Rogoff, der bekannte Professor aus Harvard.

Wenn man das Staatsschuldenproblem tatsächlich durch "ein bisschen mehr Inflation" lösen könnte, dann müsste man in der Tat nachdenken, ob man nicht in den sauren Apfel beißen sollte. Geldentwertung ist zwar immer schlecht, aber manchmal muss man sich zwischen zwei Übeln entscheiden. Leider kann man sich aber darauf nicht verlassen. Mehr Inflation verringert keineswegs zwangsläufig die Staatsschulden.

Sie bläht zwar das nominale Bruttoinlandsprodukt auf und erhöht damit automatisch den Nenner der Staatsschuldenquote. Aber die gesamte Quote geht nur dann zurück, wenn nicht auch der Zähler steigt, es also nicht mehr öffentliche Defizite gibt. Das aber ist keineswegs sicher. Denn durch die Preissteigerung erhöhen sich nicht nur die Steuereinnahmen. Es steigen auch die Staatsausgaben: Höhere Löhne, mehr Sozialausgaben, teurere Sachleistungen und dazu noch inflationsbedingt, zunehmende Zinsausgaben. Mit anderen Worten: Es erfordert große Anstrengungen der Finanzminister zu verhindern, dass bei höherer Preissteigerung nicht auch das Haushaltsdefizit größer wird. In den USA ist dies in der Nachkriegszeit offenbar gelungen. Ob das in Zukunft der Fall sein wird, ist aber mit Fragezeichen zu versehen. Ich würde mich darauf nicht verlassen. Aus meiner Sicht sollten die Finanzminister ihren Ehrgeiz nicht darauf richten, inflationsbedingte Ausgaben in Grenzen zu halten. Sie sollten gleich die Staatsverschuldung bekämpfen.

Nur im Falle der Hyperinflation ist das anders. Dann wird es am Ende eine Währungsreform geben, in der die Staatsschulden gestrichen werden. So etwas wird aber kein Finanzminister befördern wollen. Denn dann ist er nicht nur seinen Job los. Er geht in die Geschichte auch nicht mit einem positiven Image ein. Für den Privatanleger sieht die Situation anders aus. Er profitiert, wenn er sich in einer Inflation verschuldet. Denn er kann die Schulden tatsächlich mit einem Geld zurückzahlen, das weniger wert ist. Voraussetzung ist allerdings, dass er seinen Kredit zu festen Zinsen auf­nimmt, so dass er von dem inflationsbedingt, steigenden Renditeniveau nicht betroffen wird.

Die Schlussfolgerung für den Anleger
Eine Erhöhung des Inflationsziels von 2 auf 4 bis 6% hilft nicht zwangsläufig zur Lösung des Staatsschuldenproblems. Ihr sollte widerstanden werden. Seien Sie darüber hinaus aber auch nicht zu sicher, dass die Inflation als Folge der hohen Staatsschulden ansteigt. Es reicht nicht, wenn die Finanzminister dies vielleicht wollen. Das wird nur funktionieren, wenn die Konjunktur stark anzieht. Was aber vernünftig ist, ist, in Zeiten anehmenden Geldwerts, Immobilien zu kaufen und diese mit Festzinshypotheken (mit möglichst langer Laufzeit) zu refinanzieren.





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