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Nachlese zur Bundestagswahl: Weckruf zur Wende

Koen Bosquet © DPAM

Das deutsche Wahl­ergebnis entsprach weitgehend den Prognosen. Koen Bosquet und Muriel Mosango, Fonds­manager Funda­mental Equity bei DPAM ziehen Lehren aus der Abstimmung:

Die deutschen Wählerinnen und Wähler wollen den Wandel. Der Motor Europas stottert schon seit einiger Zeit, eine simple Überholung wird nicht ausreichen. Jetzt soll eine Zwei­parteien­koalition mit strafferer Entscheidungs­findung den Wandel schaffen und das Vertrauen der Investoren stärken.

Schuldenbremse lösen

Die 2009 eingeführte Schulden­bremse hat nach der globalen Finanzkrise die Kreditaufnahme eingedämmt, aber auch Investitionen in Infrastruktur, Digitalisierung und Bildung beschränkt. Die Fähigkeit des Landes zur Modernisierung litt. Außerdem ist die Schuldenbremse ein großes Hindernis für notwendige Militärausgaben.

Der designierte Kanzler Friedrich Merz will diese Beschränkungen durch Sondervermögen umgehen. Ein neuer Verteidigungsfonds in Höhe von 200 Milliarden Euro wird derzeit diskutiert, erfordert jedoch eine Zweidrittelmehrheit im Parlament – eine erhebliche Hürde angesichts des wachsenden Einflusses von Parteien an den Rändern, die sich gegen höhere Verteidigungsausgaben aussprechen. Die Sicherung des politischen Konsenses wird eine erste große Bewährungsprobe für die Führungsqualitäten von Merz sein.

Die Verteidigungsdividende

Verteidigungsminister Pistorius hat bereits den Grundstein für den Ausbau der militärischen Fähigkeiten gelegt, insbesondere im Zusammenhang mit der Unterstützung der Ukraine. Höhere Verteidigungsinvestitionen sind ein strategischer wirtschaftlicher Schachzug, der auch Forschung und Entwicklung beflügeln kann. Dem Kieler IfW zufolge könnte ein Anstieg der Verteidigungsausgaben um 1 % des BIP zu einer Produktivitätssteigerung von 0,25% führen.

Der aggressivere Ton aus den USA ist für Deutschland womöglich ein Katalysator für eine pragmatischere und marktorientiertere Politik, z.B. für Reformen bei der Energiewende und der Unternehmensregulierung. Vorgeschlagen sind eine deutliche Reduzierung des bürokratischen Aufwands sowie eine „Zwei-für-eins“-Regel, nach der bei Einführung einer neuen Regelung zwei bestehende Regeln abgeschafft werden. Diese Reformen dürften das stagnierende Geschäftsumfeld in Deutschland verbessern. Ein gestraffter Regulierungsrahmen könnte auch der deutschen Automobilindustrie dringend benötigte Erleichterung verschaffen.

Wende mit breiter Wirkung

Ein dynamischeres Deutschland sollte sich positiv auf die europäischen Aktienbewertungen auswirken. Kleine und mittelgroße Unternehmen werden von den Deregulierungsbemühungen (auch auf EU-Ebene) und einem Zufluss von Geldern für Sicherheits- und Infrastrukturprojekte profitieren. Die Europäische Kommission möchten den bürokratischen Aufwand um ein Viertel reduzieren und Unternehmen potenziell 40 Milliarden Euro pro Jahr einsparen.

Europa reagiert auf mögliche protektionistische Maßnahmen der USA, wie z. B. Handelsbarrieren, indem es eigene Industrien und Lieferketten stärkt. Der französische Präsident Macron setzt sich besonders lautstark für eine größere europäische Einheit und strategische Autonomie ein. Wenn Merz sich Macrons Bemühungen anschließt, Europa in den Bereichen Verteidigung und Handel weniger abhängig von den USA zu machen, könnte dies einen Wendepunkt für die europäische Wirtschaft markieren.

Im Marktvertrauen haben sich diese Entwicklungen bereits niedergeschlagen. Nach einem Jahrzehnt des Wachstumsrückstands haben europäische Aktien Anfang 2025 ihre amerikanischen Pendants deutlich übertroffen. Der Druck aber bleibt hoch. Europa hinkt den USA seit Jahren in Bezug auf Innovation, Produktivität und wirtschaftliche Dynamik hinterher. Das deutsche Wahlergebnis könnte eine willkommene Wende einläuten. Mit einer neuen Regierung, dem Bürokratieabbau in der EU und mehr Einsatz der europäischen Staats- und Regierungschefs für Autonomie besteht eine reelle Chance, Europas wirtschaftlichen Kurs neu zu setzen. Ob diese Reformen ausreichen werden, um Jahrzehnte des schleppenden Wachstums umzukehren, bleibt abzuwarten – aber zum ersten Mal seit Jahren scheint Europa in der richtigen Richtung unterwegs zu sein.

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