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Vetomacht Kapitalmarkt

Thomas Böckelmann © Dolphinvest Capital

Viele Aktien­märkte notieren der­zeit auf einem Allzeit-Hoch, wobei die Märkte von erheb­licher wirt­schafts­politischer Unsicher­heit geprägt sind. „Der fort­schrei­tende Trend zur De-Globa­lisierung und Ent-Demo­kra­tisierung machen das Gespenst der Stag­flation wieder real. Europa und die Schwellen­länder könnten von dieser Unsicher­heit profitieren“, ordnet Thomas Böckelmann, leitender Portfolio­manager der Dolphinvest Capital, die aktuellen Marktent­wicklungen ein.

„Aktuell dominiert von spekulationsfreudigen Privatanlegern und algorithmischem Handel reagieren Aktienmärkte in einer Art ‚Trade the Tweet‘-Modus auf jede Äußerung des Präsidenten. Die Anleihemärkte zeigen sich indes standhafter und halten offenbar an ihrer Einschätzung fest, dass die US-Schuldnerqualität jeden Tag sinkt und in der Konsequenz auf neue Staatsschulden höhere Zinsen zu zahlen sind“, erklärt Böckelmann. Nach Einschätzung des Experten sei es ein deutliches Warnsignal an die US-Administration, dass Anleiheinvestoren für 10-jährige Laufzeiten hartnäckig rund 4,5 % Rendite fordern, für 30-jährige Laufzeiten sogar 5 % und mehr, und scheint auch als solches verstanden worden zu sein. Nachdem die Rendite für 30-jährige US-Staatsanleihen von 4,4 % am Tag der Befreiung auf 5,1 % hochschnellte, musste die US-Regierung reagieren, um einen drohenden Kollaps am Finanzierungsmarkt für Staatsschulden abzuwenden.

Rentenmärkte als Spielverderber 

Das „Veto“ des Rentenmarktes dürfte laut Experten eine oder sogar die Ursache dafür gewesen sein, dass quasi über Nacht eine 90-tägige Zollpause mit China erklärt wurde und auch sonst die Töne vorerst etwas freundlicher wurden. Zwar hat sich die Zinsfront seither etwas beruhigt, dennoch sind die US-Renditen vergleichsweise hoch geblieben, die Zinspapiere konnten sich kaum erholen.

„Während sich die Anleihemärkte unverändert in Habt-Acht-Stellung positionieren und damit einen nahezu einmaligen Vertrauensverlust in die US-Administration dokumentieren, konnten die US-Aktienmärkte ihre Aprilverluste nach den Zollankündigungen in einer fast V-förmigen rasanten Erholung nahezu vollständig ausgleichen und sind nur noch 3,5% von den Allzeit-Höchstständen des Februars entfernt“, stellt Böckelmann fest.

Diese Erholung, die fast alle globalen Aktienmärkte mit vollzogen haben, sei irritierend angesichts der Tatsache, dass sich andere Märkte wie Zins-, Rohstoff-, Energiemärkte belastet zeigen, die globale Zollpolitik sich trotz Pausenregelung nicht nur rhetorisch, sondern auch faktisch – d. h. die Weltwirtschaft lähmend – verschärft hat. Gleichzeitig nehme die Übergriffigkeit der US-Administration auf die Leistungsträger der eigenen Wirtschaft zu – Unternehmen werde offen mit Maßnahmen gedroht, wenn sie sich nicht im Sinne des US-Präsidenten verhalten.

Historische Chance für Europa

Vor dem Hintergrund der allzeithohen Aktienmärkte und wirtschaftlichen Unsicherheiten rechnet der Portfoliomanager mit wieder zunehmenden Wertschwankungen – insbesondere dann, wenn die US-Administration die jüngsten Hoffnungen der Aktienmärkte enttäuschen sollte. „Die Rotation raus aus den USA in Richtung Europa und den Schwellenländern scheint weiter gesetzt zu sein. Sie wird durch günstigere Bewertungen und guten wirtschaftlichen Perspektiven getrieben“, so Böckelmann. Während der MSCI Welt seit Jahresbeginn deutlich ins Minus gesunken ist, konnten der europäische EuroStoxx50 und der DAX kräftig zulegen. Die relative Schwäche der Weltaktienindizes resultiert aus deren Gewichtung von fast 70 % US-amerikanischer Aktien. Diese konnten sich zwar im Mai wieder erholen, insgesamt lastet aber der Einbruch des US-Dollars gegenüber dem Euro (-9,6 % seit Jahresbeginn) auf der Wertentwicklung. „Europa profitiert von der Sondersituation eines potenziellen Aufschwungs in Infrastruktur und Verteidigung, aber auch von Umschichtungen der Anleger raus aus den unsicher gewordenen USA“, so der Experte und er warnt: „Für Europa zeichnet sich gerade eine einmalige historische Chance ab, deren Ergreifen nicht am ‚Klein-Klein‘ irgendwo in Brüssel, Berlin oder Paris scheitern darf.“

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