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Die finanzielle Zukunft Europas erfordert mutige Maßnahmen im Verbriefungsmarkt

von Katharine Neiss, Europäische Chefökonomin bei PGIM

Katharine Neiss © PGIM

Seit mehr als einem Jahr­zehnt steht Europa vor einer Heraus­forderung, die für seine wirt­schaftliche Zukunft von entscheidender Bedeutung ist: die Verbriefung. Verbriefung ermöglicht die Bündelung von Schulden zu investier­baren Ver­mögens­werten und ist der Schlüssel zu einem bedeutenden Wirtschafts­wachstum. Ein robuster Ver­briefungs­markt kann wichtige Sektoren mit Kapital versorgen, wie etwa Wohnungsbau, Klein­unternehmen, Infrastruktur und erneuerbare Energien, und so Wirtschafts­wachstum und Innovation vorantreiben. Mit der Einführung der Spar- und Investment­union (SIU) durch die EU besteht die erste große Bewährungsprobe darin, ob es gelingt, die Reform des Verbriefungsmarktes richtig anzugehen.

Verbriefung ist nicht nur eine technische Frage für Finanzdienstleistungen. Sie ist ein wichtiger Mechanismus, um Kapital dorthin zu lenken, wo es am dringendsten benötigt wird, und Unternehmen und Verbraucher, die nach Finanzierungen suchen, mit globalen Investoren zusammenzubringen. Damit werden zwei wichtige Dinge erreicht: Erstens wird das Risiko über das Bankensystem hinaus diversifiziert, auf das Europa zu stark angewiesen ist. Zweitens werden institutionelle Investoren wie Pensionsfonds und Versicherungsgesellschaften ebenso stärker in die Finanzierung der Realwirtschaft einbezogen wie Privatkundenbanken und Vermögensverwalter. Ein gesunder Verbriefungsmarkt bedeutet mehr Kapitalausstattung in allen Bereichen, von Hypotheken und Autokrediten bis hin zu Rechenzentren, Wärmepumpen und Solaranlagen. 

Derzeit wird der europäische Verbriefungsmarkt durch strenge Vorschriften eingeschränkt, die den Zugang von EU-Investoren zu mehr als zwei Dritteln des globalen Marktes begrenzen. Diese Hindernisse dämpfen die Nachfrage, hemmen das Angebot und bremsen das Marktwachstum. Eine Reform dieser Vorschriften zur Angleichung an globale Standards würde EU-Investoren stärken, sie mit ihren weltweiten Pendants gleichstellen, die Diversifizierung der Portfolios verbessern und ein wettbewerbsfähigeres Finanzsystem schaffen. Das derzeitige System konzentriert sich viel zu stark auf das Bankensystem und ignoriert die Bedürfnisse der Investoren als Käufer.

Die Lösung liegt in einem ausgewogeneren, Prinzipien-basierten Regulierungsansatz. Dies ist keine Aufforderung, die Aufsicht aufzugeben. Anlegerschutz ist von entscheidender Bedeutung. Ein smarteres Rahmenwerk würde professionellen Anlegern in Europa die Bewertung von Risiken anvertrauen, so wie es auch in anderen globalen Märkten der Fall ist. Man würde sich von starren, formalen „Box-Ticking“-Vorschriften entfernen und zu einem System übergehen, das Emittenten reguliert und Transparenz gewährleistet, aber Vermögensverwaltern die Ausübung ihrer Kernfunktion ermöglicht. Dies ist die globale Norm, und die Sonderstellung Europas bedeutet für die eigenen Anleger und Sparer einen Wettbewerbsnachteil. 

Bei dieser Reform geht es um mehr als nur um finanzielle Aspekte. Sie ist von grundlegender Bedeutung für die Zukunft der europäischen Wirtschaft und die finanzielle Sicherheit ihrer Bürger. Die Wiederbelebung des Verbriefungsmarktes auf das Vorkrisenniveau könnte jedes Jahr private Finanzierungen in Milliardenhöhe ermöglichen. Dieses Kapital könnte unter anderem Innovationen vorantreiben, Arbeitsplätze schaffen und den Übergang zu einer grünen Wirtschaft unterstützen. Seine Vorteile würden noch verstärkt, indem grenzüberschreitende Kapitalströme ermöglicht und derzeit in einzelnen Mitgliedstaaten brachliegendes Kapital freigesetzt würde, um die wirkungsvollsten Wachstumschancen in der gesamten Region zu nutzen.  

Jüngere politische Impulse gingen von Politikern wie Mario Draghi aus, der in seinem Draghi-Bericht 2024 klarmachte, dass Europa ohne tiefgreifende Reformen einen „langsamen Niedergang“ erleben würde. Es setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass Europa Wachstum fördern und gleichzeitig die Finanzstabilität wahren kann. Der jüngste und dritte Versuch der Europäischen Kommission, dieses Problem anzugehen, ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, aber es muss noch mehr getan werden. 

Zögern bei der Reform der Verbriefung resultiert meist aus Bedenken im Zusammenhang mit der globalen Finanzkrise. Reformen, die seitdem in Ländern wie Großbritannien, Australien, Japan und Kanada verabschiedet wurden, haben jedoch zu starken und gesunden Verbriefungsmärkten geführt. Der jüngste Finanzstabilitätsbericht der Europäischen Zentralbank hat deutlich gemacht, dass das schwache Wachstum Europas und seine Abhängigkeit von wenigen Kreditquellen reale Risiken für die Stabilität seines Finanzsystems und seiner Wirtschaft darstellen. Das bedeutet, dass Untätigkeit oder die Vermeidung von Reformen keine „sichere“ Option sind. Mit geeigneten Reformen kann die Verbriefung die Finanzsysteme stärken, anstatt ihnen zu schaden.

Die EU-Mitgliedstaaten haben die Fassung des Rates zu den Verbesserungen der Vorschläge der Europäischen Kommission fertiggestellt, doch reichen diese noch nicht aus, um die globale Wettbewerbsfähigkeit europäischer Investoren zu stärken. Nun ist es Aufgabe des Europäischen Parlaments, bedeutende Fortschritte zu erzielen. Eine Reform, die den Markt nicht wiederbelebt, ist kein Erfolg. Die politischen Entscheidungsträger sollten dafür sorgen, dass dies nicht nur schnell geschieht, sondern auch korrekt. Kürzlich vorgeschlagene Änderungen am britischen Rahmenwerk können als Leitfaden für EU-Entscheidungsträger dienen, um hohe Standards des Investorenschutzes und der Marktintegrität zu bewahren und gleichzeitig regulatorische Belastung und Marktfragmentierung zu verringern.

Die Sorge um zu geringe Investitionen in Europa wächst, sodass dies ein entscheidender Moment für die Spar- und Investitionsunion und die globale Wettbewerbsfähigkeit Europas ist. Der eigentliche Erfolg wird ein Rahmen sein, der Risiken diversifiziert, institutionelle Anleger einbindet und EU-Anleger mit ihren globalen Pendants gleichstellt. 

www.fixed-income.org 

 

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