In Robert Louis Stevensons Abenteuerroman „Die Schatzinsel“ weist eine Karte den Weg zu Reichtümern. Doch wer ihr folgt, begibt sich oft in Gefahr. Ähnlich irreführend war lange die Erfahrung mit US-Staatsanleihen. Seit Anfang der 1980er-Jahre gingen Inflation und Zinsen meist zurück. Das bescherte Anleihekäufern hohe Erträge. Die günstigen Begleitumstände erschienen selbstverständlich.
Wie unser „Chart der Woche“ zeigt, schwankten die realen Gesamtrenditen zwei-, zehn- und 30-jähriger US-Staatsanleihen über rollierende Zehnjahreszeiträume erheblich. Dabei kam es nicht nur auf die Laufzeit an, sondern auch auf den Einstiegszeitpunkt. Wer zu Beginn der großen Anleiherally bei hohen Renditen einstieg, sicherte sich stattliche Zinseinnahmen. Als Inflation und Zinsen danach sanken, kamen bei längeren Laufzeiten kräftige Kursgewinne hinzu.
Eine Studie der Ökonomen Eugene Fama und G. William Schwert zeigt, wie Inflation die Erträge von US-Staatsanleihen beeinflusst. Erwarten Anleger steigende Preise, ist diese Erwartung meist bereits beim Kauf in der Rendite berücksichtigt. Fällt die Inflation jedoch höher aus als erwartet, verlieren die festen Zinszahlungen an Kaufkraft und steigende Marktzinsen belasten die Anleihekurse.
Um 2020 waren die Einstiegsrenditen außergewöhnlich niedrig. Den späteren Inflationsschock konnten Zinseinnahmen daher kaum abfedern. Die Teuerung schmälerte die Kaufkraft der festen Zahlungen. Steigende Marktzinsen drückten zusätzlich die Kurse. Besonders stark litten lange Laufzeiten, deren Zahlungen weit in der Zukunft lagen.
Bei Kurzläufern wirkte ein anderer Mechanismus. Ihre niedrigen Renditen reichten schon bei verhaltener Inflation nicht zum Kaufkrafterhalt. Bereits im November 2017 waren ihre rollierenden realen Zehnjahresrenditen unter null gefallen, wie der Chart zeigt.
„Mit dem höheren Zinsniveau hat sich die Ausgangslage für Anleiheanleger deutlich verbessert“, sagt George Catrambone, Head of Fixed Income, Americas bei DWS. „Wer Geduld mitbringt, hat nun gute Chancen auf reale Erträge. Doch die richtige Auswahl bleibt entscheidend: Risiken durch hohe Staatsverschuldung und Haushaltsdefizite, Inflation sowie Veränderungen bei Angebot und Nachfrage nach Anleihen können den Weg zum Ziel erheblich erschweren.“
Ob die möglichen Erträge die Risiken rechtfertigen, hängt auch von Anlageziel, Zeithorizont und Risikobereitschaft ab. Maßgeblich sollte jedoch die heutige Ausgangslage sein, nicht die schmerzhafte Bilanz der vergangenen Jahre. Diese einfach in die Zukunft fortzuschreiben, wäre derselbe Fehler wie zuvor bei den jahrzehntelangen Gewinnen. Jim, der Held der „Schatzinsel“, will am Ende nie wieder auf die „verfluchte Insel“ zurückkehren, obwohl er dort noch Silber vermutet. Anleiheanleger sollten nicht ebenso pauschal urteilen. Schließlich können schlechte Erfahrungen ebenso in die Irre führen wie gute.
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