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Europas Anleihemärkte melden sich zurück – warum jetzt wieder Chancen entstehen

von Silvio Vergallo, Head of Government and Inflation Linked Bonds bei Eurizon

Silvio Vergallo © Eurizon

Das Jahr 2025 verlief konstruk­tiver als viele er­wartet hatten. Nach einigen schwierigen Zyklen, die von anhal­tender Inflation und uner­bittlichen Zins­erhöhungen geprägt waren, kam endlich eine Markt­erholung. Die Zins­senkung der EZB und das all­mähliche Nach­lassen der Inflation führten dazu, dass sich die Stimmung verbesserte und die Gesamt­renditen sich stabi­lisierten. Insbe­sondere die Märkte für Staats­anleihen profitierten von dieser Ent­wicklung: Selbst Länder, die normaler­weise höhere Spreads aufweisen – wie Italien, Spanien und zeitweise auch Frankreich trotz einiger Episoden mit Risikorückgängen – konnten eine positive Performance erzielen.

Unternehmensanleihen schnitten sogar noch besser ab. Die Anleger blieben aktiv, jagten Carry-Gewinne und bevorzugten Titel mit soliden Fundamentaldaten. Investment-Grade-Anleihen erwiesen sich als stabil und Hochzinsanleihen verzeichneten dank disziplinierter Emissionen und besser als befürchteter Kreditbedingungen stetige Zuflüsse. Es war kein geradliniger Verlauf, aber insgesamt war die Stimmung deutlich besser als in den vergangenen Jahren.

Inflation, EZB und Fundamentaldaten als Markttreiber
Die Inflation und die Politik der EZB sind nach wie vor die wichtigsten Rendite-Faktoren. Alles andere – BIP-Wachstum, Beschäftigungsdaten und die allgemeine Marktstimmung – ist zwar ebenfalls von Bedeutung, jedoch eher im Sinne von „Zweitrundeneffekten”. In diesem Jahr folgten die Renditen tendenziell dem langsamen Verlauf der Desinflation und der Präferenz der EZB, ihre Politik vorhersehbar zu gestalten.

Das Universum der Euro-Staatsanleihen umfasst Emittenten mit sehr unterschiedlichen Haushaltsgewohnheiten und Finanzierungsbedürfnissen. Die Renditeentwicklungen spiegeln die Mischung aus Glaubwürdigkeit der öffentlichen Finanzen, Angebotsdynamik und Risikobereitschaft der Anleger in Bezug auf Duration oder Spread-Risiko jedes einzelnen Landes wider. Auf den Kreditmärkten sieht die Situation etwas anders aus. Hier sind die Ausfallerwartungen, die Widerstandsfähigkeit der Unternehmensgewinne und das Nettoangebot die eigentlichen Treiber.

Mögliche Feinjustierung in den kommenden EZB-Sitzungen ohne wesentliche Veränderungen
Wir erwarten im Dezember oder sogar im ersten Quartal des nächsten Jahres keine bedeutenden Veränderungen. Das Wachstum scheint dem Potenzial zu entsprechen und die Inflationsentwicklung stellt derzeit keine Herausforderung für die Basisprognose der EZB dar. Allerdings könnte die Gesamtinflation zur Jahresmitte 2026 unter dem Zielwert liegen.

Sollten sich gleichzeitig die Daten abschwächen, müsste die EZB ihre Haltung möglicherweise anpassen – wenn auch nicht in Form einer dramatischen Kehrtwende, sondern einer maßvollen Korrektur. Und wie immer wirken sich größere Schritte der US-Notenbank tendenziell auch auf die andere Seite des Atlantiks aus.

Wertpotenzial von europäischen Staatsanleihen
Wir sehen weiterhin Wertpotenzial in europäischen Staatsanleihen. Angesichts der nach wie vor attraktiven Realrenditen und der Tatsache, dass die Inflation nicht mehr die disruptive Kraft ist, die sie einmal war, erscheint uns das Risiko-Ertrags-Verhältnis attraktiv, insbesondere für Emittenten aus Peripherieländern mit solider Auslandsnachfrage. Unsere Durationsposition bleibt in Europa konstruktiv.

Unternehmensanleihen bieten nach wie vor interessante Carry-Möglichkeiten, auch wenn die Spreads nahe ihren Zyklustiefs liegen. Wir bevorzugen Euro-IG- und -HY-Anleihen, da die Fundamentaldaten weiterhin günstig sind und das Angebot die Nachfrage nicht übersteigt. Hartwährungsanleihen aus Schwellenländern bleiben wir neutral gegenüber. Sofern sich die Geldpolitik oder die Inflationserwartungen nicht wesentlich ändern, dürften diese Einschätzungen bis 2026 Bestand haben.

Zinsanstieg könnte Präferenzen verschieben
Wenn die Zinsen steigen oder die Volatilität zunimmt, neigen Anleger dazu, sich auf sicherere, liquiderere Segmente zurückzuziehen. In diesem Fall würden Kernanleihen und gedeckte Schuldverschreibungen wahrscheinlich als stabilisierender Anker fungieren. Die Nachfrage nach Unternehmensanleihen würde selektiver werden, wobei Emittenten mit höherer Qualität bevorzugt würden, da die Refinanzierungskosten steigen und sich die Spreads ausweiten. Solange die Inflation jedoch unter Kontrolle bleibt und die EZB ihre Politik beibehält, unterstützt die aktuelle Kurvenstruktur weiterhin das positive Gesamtrenditepotenzial – vorausgesetzt, die Renditen bewegen sich nicht abrupt.

Anleihen im volatilen Zinsumfeld: unterschiedliche Trends bei langen und kurzen Laufzeiten – warum kurze Laufzeiten von Vorteil sind
Aufgrund ihrer geringeren Duration und ihres schnelleren Reset-Potenzials sind kurzfristige Anleihen in der Regel interessanter. Sie ermöglichen es Anlegern, engagiert zu bleiben und gleichzeitig flexibel zu agieren. Langfristige Anleihen würden angesichts ihrer höheren Sensitivität gegenüber Zinsänderungen eher zurückhaltend behandelt werden, bis sich die Volatilität gelegt hat.

Allerdings hat sich der Großteil der Anpassung der Laufzeitprämie bereits vollzogen. Angesichts der sich stabilisierenden Leitzinsen können langfristige Staatsanleihen mit Spreads gegenüber Swaps auch bei einem leichten Anstieg der kurzfristigen Zinsen noch positive Renditen erzielen.

2026: Stabile Sektoren profitieren – bei B-Ratings ist eine sorgfältige Auswahl erforderlich
Insbesondere Industrie-, Verteidigungs- und infrastrukturbezogene Unternehmen dürften davon profitieren, wenn die fiskalischen Ausgaben in Deutschland und anderen Kernländern wie erwartet in die Lieferketten fließen.

Emittenten mit niedrigerem Rating sehen sich hingegen einem schwierigeren Umfeld gegenüber. Unternehmen mit einem BB-Rating verfügen in der Regel über angemessene Refinanzierungsbedingungen, Unternehmen mit einem B-Rating hingegen müssen sorgfältig ausgewählt werden. Schwächere Bilanzen oder ein begrenzter Marktzugang können zu deutlich höheren Finanzierungskosten und Liquiditätsengpässen führen, insbesondere in konjunkturempfindlichen Segmenten wie dem diskretionären Konsum oder hoch verschuldeten Dienstleistungsbranchen.

www.fixed-income.org 

 

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