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Ist das schon die Erholung?

von Olivier de Berranger, Chief Investment Officer, La Financière de l‘Échiquier

Das Jahr 2020 wird in die Annalen der Börse eingehen – das ist jetzt schon sicher. Der Absturz der Aktienkurse in der ersten Märzhälfte hatte eine nie dagewesene Geschwindigkeit. Die US-Märkte verzeichneten ihre schlimmste Woche seit dem Jahr der Finanzkrise 2008, und die Märkte in Europa büßten nahezu die Hälfte der Gewinne des vergangenen Jahrzehnts ein. Doch so seltsam es angesichts der vielen bislang aufgestellten Negativrekorde auch erscheinen mag: In dieser Krise gelang auch ein neuer Rekord. Denn die Aktienmärkte erlebten zuletzt eine Woche der Euphorie mit Kurszuwächsen von 10 bis 15 Prozent bei den meisten Indizes. Seit den in der Handelssitzung vom 16. März erreichten Tiefs befinden sich viele Märkte sogar in einem Bullenmarkt (mit einem Anstieg um mehr als 20 Prozent). Der Dow Jones-Index verzeichnete am Dienstag seinen höchsten Anstieg seit 1933. Unterdessen wütet jedoch die Covid-19-Pandemie weltweit weiter.

Ist dies bloß eine technische Erholung oder der Auftakt zu einer nachhaltigen Besserung? Technische Erholungen sind oft heftig und in Krisenzeiten keine Seltenheit. Im Jahr 2008 erholte sich der S&P 500 zwischen Ende Oktober und Anfang November um 19 Prozent und zwischen Ende November und Anfang Dezember um 21 Prozent, bevor er erneut abstürzte. Auch wenn die aktuelle Entwicklung beeindruckend ist, könnte sie ohne weiteres diesem Muster erneut folgen.

Was könnte neben dem technischen Aspekt die Zuversicht der Märkte rechtfertigen?

Bei dem Vergleich mit der Krise von 2008 verdient noch ein weiterer Punkt Beachtung: die Schnelligkeit und der Umfang der von Zentralbanken und Regierungen gezeigten Reaktionen. In den vergangenen Tagen kamen immer neue Ankündigungen hinzu. Am vergangenen Montag verkündete die US-Notenbank in Bezug auf Unternehmensanleihen ein unbegrenztes Quantitative Easing. Tags darauf einigten sich das Weiße Haus und der Senat auf ein Unterstützungspaket über 2 Billionen US-Dollar, d. h. 10 Prozent der US-Wirtschaftsleistung. Vorgesehen sind Direkthilfen für private Haushalte (in Höhe von bis zu 1.200 US-Dollar pro Erwachsenem und 500 US-Dollar pro Kind), Kredite in Höhe von 367 Milliarden US-Dollar für KMU (kleine und mittlere Unternehmen), für große Unternehmen, Städte und Bundesstaaten (500 Milliarden US-Dollar) sowie eine Tranche von 130 Milliarden US-Dollar für Kliniken. Zwar liegen diese Hilfen unter den von manchen Anlegern geforderten Beträgen (4,5 bis sogar 6 Billionen US-Dollar), doch die Vermutung, dass die US-Regierung noch Pulver trocken hält, um ihre Reaktion an die Dauer der Stilllegung anpassen zu können, ist durchaus berechtigt.

Dieses riesige Volumen des Hilfspakets erklärt teilweise die Euphorie der Märkte. Doch es bleibt abzuwarten, ob sie von Dauer ist, denn es gibt weiterhin zwei große Unbekannte. Die erste bezieht sich auf die Gesundheitslage. Während in Europa drastische Maßnahmen ergriffen wurden, ist die Reaktion der USA noch zögerlich. Lediglich einige Staaten (darunter New York und Kalifornien) verhängten Ausgangsbeschränkungen, und die Haltung von US--Präsident Donald Trump erscheint angesichts der Schwere der Lage viel zu gelassen.

Es bestehen kaum noch Zweifel, dass die USA das nächste Epizentrum der Pandemie sind. Auch wenn die Märkte bereits damit rechnen, könnte dies dennoch ein Stressfaktor sein. Die andere Unbekannte bezieht sich auf die Unternehmen. Es wurden zahlreiche Mechanismen eingerichtet, um den Fortbestand der Unternehmen zu sichern und Insolvenzketten zu vermeiden. Allerdings wird dies den abrupten Einbruch der Umsätze und Gewinne nicht abfedern. Die Rückkehr zur Normalität wird einige Zeit brauchen. Obwohl die Aktienbewertungen auf diesen Niveaus attraktiv erscheinen mögen, wird dies aufgrund der schwachen Aktivitätsaussichten jedoch zweifelsohne nicht ausreichen, um eine nachhaltige Hausse zu tragen.

Die fortdauernde Möglichkeit eines abermaligen, heftigen Einbruchs dürfte durch die Maßnahmen der Zentralbanken und Staaten allerdings begrenzt sein. Die Angst vor den Folgen für die Unternehmen kann eine echte Erholung unterdessen ausbremsen. Wir müssen uns wahrscheinlich auf weiterhin volatile, erratische Märkte ohne klaren Trend einstellen, solange die genannten Unsicherheiten nicht verschwunden sind. In einem derartigen Umfeld ist die Agilität, die unser Fondsmanagementteam täglich unter Beweis stellt, der Schlüssel zum Erfolg.

https://www.fixed-income.org/
(Foto: Olivier de Berranger
© La Financière de l’Échiquier)


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