Sowohl die Finanzkrise als auch Covid haben unseren Begriff von Normalität neu definiert. Die USA haben die Krisen der Jahre 2008 und 2020 nur durch massive wirtschaftspolitische Kraftakte bewältigt. Die Langzeitfolgen für vier zentrale Wirtschaftspfeiler spüren wir noch heute. Fiskalpolitik, Konsumverhalten und der Immobilienmarkt haben ihre Form von vor der Krise nie wiedergefunden und selbst die Federal Reserve trägt noch schwer an den damals zur Rettung der Wirtschaft aufgenommenen Hypotheken.
Fiskale Großzügigkeit gepaart mit monetärer Freizügigkeit – damals mit guten Absichten durchgesetzt – kommt die USA heute durch den massiven Verschuldungsgrad von über 100 Prozent des BIP teuer zu stehen. Und auch Jahre nach Covid schaffen es die jährlichen Haushaltsbudgets nicht aus den tiefroten Zahlen heraus, wie man sie früher nur aus Kriegszeiten kannte.
Nach einem genaueren Blick auf die vier Aspekte, die bis heute von den Maßnahmen der Jahre 2008 und 2020 geprägt sind, zeigt sich auch, welche Gruppe trotz allen Schwierigkeiten profitiert.
1. Die Federal Reserve
Die Fed versucht aktiv, die Zeit zurückzudrehen. Ihr Vorsitzender Kevin Warsh gilt als Kritiker vieler Praktiken, die sich seit der Finanzkrise etabliert haben, vor allem mit Blick auf die Kommunikation und die aufgeblähte Bilanz. Möglicherweise dient ihm Alan Greenspan als Vorbild, der in den 90er Jahren als Fed-Chef den kommerziellen Durchbruch von Computern begleitete und sich kommunikativ dabei weitgehend zurückhielt. Greenspan sah in der Technologie einen so starken Produktivitätsschub, dass die Wirtschaft boomen konnte, ohne Inflation auszulösen, und ähnlich könnte Warsh heute die KI einschätzen. Der Bilanzabbau dürfte jedoch schwieriger werden als gedacht. Am Anleihemarkt wächst die Nervosität, die langfristigen Renditen steigen immer weiter. Will der Markt die Papiere aus den Fed-Beständen wirklich aufnehmen? Und das vermeintlich simple „einfach auslaufen lassen" entpuppt sich in der Praxis als alles andere als einfach.
2. Die Fiskalpolitik
Jedes Jahr 6 % des BIP als neue Schulden aufzunehmen ist fiskalisch nicht langfristig tragbar. Auch DOGE ist als jüngstes Experiment zur signifikanten Kürzung von Regierungsausgaben gescheitert. Derweil schrumpft die arbeitende Bevölkerung durch strenge Einwanderungsauflagen und in Rente gehende Baby Boomer auch ohne Rezession. Da sich das BIP-Wachstum aus der Veränderung des Arbeitskräfteangebots und der Produktivität zusammensetzt, kann die Wirtschaft mit weniger Arbeitskräften kaum wachsen – es sei denn, die Produktivität legt kräftig zu. Das ist ein wesentlicher Grund, warum die Trump-Regierung KI und allgemeines Wirtschaftswachstum forciert, unter anderem über die „One Big Beautiful Bill" und regulatorische Erleichterungen.
3. Die Konsumenten
Sowohl der Arbeitsmarkt als auch die Bilanzen der privaten Haushalte machen (wieder) einen soliden Eindruck, und so steht es auch um die Verbraucher. Die Indikatoren für die Verbraucherstimmung kommen jedoch nicht aus ihrem Tief heraus, was Befürchtungen einer Konsumflaute schürt – eine Sorge, die wir nicht teilen. Vielleicht schlägt sich in diesen Umfragen auch die politische Unzufriedenheit eines großen Bevölkerungsteils nieder, die von einer polarisierenden Medienlandschaft verstärkt wird.
4. Der Immobilienmarkt
Dieser Wirtschaftszweig leidet vermutlich am hartnäckigsten unter den strukturellen Nachwirkungen. Oberflächlich betrachtet scheint alles in Ordnung, schließlich liegen die Immobilienpreise auf Rekordniveau. Doch genau darin liegt ein Teil des Problems. Neben dem aktuellen Eigentümer ist auch der potenzielle Käufer ein zentraler Faktor am Immobilienmarkt – und die Erschwinglichkeit von Wohneigentum bewegt sich auf einem Rekordtief.
Bestehende Hypotheken liegen im Schnitt bei 4,3 %, neue dagegen bei 6,7 %. Entsprechend halten sich Verkäufer zurück, das Angebot sinkt und die Preise bleiben hoch. Eine Reform der Bauvorschriften wirkt nur langsam, Mietpreisregulierung verschärft das Problem eher, da sie das Wohnungsangebot zusätzlich verknappt. Letztlich müssen die Hypothekenzinsen – und womöglich die Preise – nachgeben, um die Erschwinglichkeit zu verbessern. Immerhin: Der neue Fed-Vorsitzende Warsh hat eingeräumt, dass die Zinsen im Immobiliensektor restriktiv wirken, aus unserer Sicht sogar deutlich.
Baby Boomer stehen über der Krise
Die Baby Boomer sind – als Kohorte – nicht Teil dieser Problemgeschichte. Im Gegenteil, sie zählen zu den Nutznießern vieler Maßnahmen und Umstände, die zur heutigen Lage geführt haben. Die expansive Politik, mit der Staat und Notenbank die Finanzkrise und die Corona-Krise bekämpft haben, kam den Wohlhabenden zugute – und damit überproportional den Boomern, die weniger als ein Fünftel der Bevölkerung ausmachen, aber mehr als die Hälfte des Vermögens halten. Sie befinden sich weiterhin klar im Konsummodus. Dieser Wohlstand kann die Wirtschaft stützen: zum einen über die eigenen Ausgaben, zum anderen über die Unterstützung der eigenen Kinder, was die Wucht der viel zitierten „K-förmigen" Ungleichheit etwas abfedert.
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