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Fidelity Marktkommentar: Bundestagswahl lässt Märkte wieder auf Eurokrise fokussieren

In einem Monat ist Bundestagswahl, und aktuell sieht es so aus, als würde Angela Merkel Kanzlerin bleiben. In welcher Konstellation auch immer. Aktien- und Anleiheexperten der Fondsgesellschaft Fidelity Worldwide Investment erläutern, welche Auswirkungen der Wahlausgang auf die wirtschaftliche Entwicklung und die Märkte in Deutschland und Europa haben wird.

Christian von Engelbrechten, Manager des Fidelity Germany Fund:
"Ich gehe nicht davon aus, dass die Wahl große Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft und die Finanzmärkte haben wird - vor allem langfristig nicht. Insbesondere die Europapolitik sollte in beiden Lagern ähnlich aussehen. Auch wenn es noch viel zu verbessern gibt, erscheint mir eine Fortsetzung der gegenwärtigen Politik im Saldo vernünftig. Denn die Gewinne deutscher Unternehmen sind in der Krise weniger stark eingebrochen, haben sich schneller erholt und entwickeln sich seither besser als in den meisten anderen Ländern. Politische Rahmenbedingungen wie etwa die Kurzarbeit haben den deutschen Unternehmen dabei deutlich geholfen. Dank harter Reformen hat es Deutschland in den vergangenen Jahren geschafft, sich vom kranken Mann Europas zu einer besonders stabilen Säule in der Weltwirtschaft zu entwickeln.

Sollte die Opposition die Wahl gewinnen, erwarte ich kurzfristig eine negative Reaktion der Märkte, da deren Pläne zu umfangreichen Steuererhöhungen eine Belastung des Konsums, der Sparer und der Wirtschaft mit sich bringen würden.

Jede Marktreaktion sollte allerdings nur kurz andauern: Wie die Vergangenheit gezeigt hat, sind die Unternehmen flexibel genug, sich an verschiedene Rahmenbedingungen erfolgreich anzupassen und tätigen inzwischen ohnehin einen Großteil des Geschäfts außerhalb Deutschlands. Ein Investment in deutsche Unternehmen bleibt unabhängig von den Nuancen der deutschen Politik interessant. Schließlich verfügen die Unternehmen "Made in Germany" im globalen Vergleich über eine ausgezeichnete Wettbewerbsfähigkeit. Zudem haben sie sich einen hohen Schwellenländeranteil erarbeitet und können solide, stark entschuldete Bilanzen vorweisen."

Matt Siddle, Manager des Fidelity European Growth Fund:
"In den vergangenen Monaten hat die deutsche Industrieproduktion wieder angezogen. Diese Zunahme nach einer schwächeren Periode lässt sich darauf zurückführen, dass sich sowohl die Exportwirtschaft als auch der Bausektor erholt haben. Dieser steigende Optimismus kombiniert mit der Hoffnung, dass die Wahlen einen Politikwechsel in Bezug auf die europäischen Krisenländer bringen könnten, führte auch zu fallenden Renditen bei Staatsanleihen dieser Länder. Mir erscheint es jedoch ziemlich unwahrscheinlich, dass sich die deutsche Politik nach den Wahlen stark verändern wird. Denn die brutale Wahrheit ist schlicht und ergreifend, dass es sich auch Deutschland nicht leisten kann, allein die Schulden der europäischen Krisenländer zu stemmen. Zudem muss sich auch die Geschwindigkeit der Reformen in den von der Schuldenkrise betroffenen Ländern deutlich erhöhen, damit dort auch nur annährend die gleiche Wettbewerbsfähigkeit erreicht wird, die Deutschland sich über die letzten zehn Jahre erarbeitet hat.

Die global leicht verbesserten Wirtschaftsdaten bedeuten in Kombination mit den ersten Anzeichen für das Ausklingen des Anleiheankaufprogramms in den USA, dass die langfristigen Zinsen langsam wieder anfangen dürften, sich von ihren Rekordtiefständen zu entfernen. Das gilt für Deutschland, aber auch für die USA sowie Großbritannien und übt Druck auf die langfristigen Anleihepreise aus. Vor diesem Hintergrund lohnt es sich für Investoren, in Qualitätsaktien zu investieren, deren Dividenden eine höhere Rendite als Anleihen versprechen. So können Anleger von den sich aufhellenden wirtschaftlichen Aussichten profitieren und langfristig attraktive Erträge erwirtschaften."

Tristan Cooper, Analyst für Staatsanleihen bei Fidelity Worldwide Investment:
"Die Wahl in Deutschland wird auf jeden Fall dazu beitragen, dass die relative Ruhe bei kontroversen Themen in Europa, bei denen Deutschland aktuell eher in Deckung geht, ein Ende haben wird. Ein erster Lackmustest wird das nächste Treffen der Eurogruppe am 14. Oktober werden. Portugal und Griechenland stehen dort prominent auf der Agenda - und man darf gespannt sein, welche Haltung Deutschland nach der Wahl in Bezug auf die Unterstützung der Peripherieländer einnimmt. Insbesondere Portugal könnte eine weitere Lockerung seiner fiskalpolitischen Ziele anstreben, und es ist mit einer hitzigen Debatte über die Nachhaltigkeit des Schuldenabbaus in beiden Ländern zu rechnen.

Ich gehe davon aus, dass Deutschland - wenn auch widerwillig - weiter eine zuverlässige Stütze der Krisenländer sein wird. Deutschland hat wenig Interesse daran, die Eurokrise noch mal eskalieren zu lassen. Nichtsdestotrotz dürfte der private Sektor im Fall von Schwierigkeiten bei Banken durchaus zur Kasse gebeten werden. In Bezug auf die Verschuldung einzelner Staaten dürfte das Thema allerdings vom Tisch sein.

Generell dürften die Wahlen kaum zu einer signifikanten Änderung der deutschen Politik gegenüber dem restlichen Europa führen. Denn das wahrscheinlichste Szenario ist: Angela Merkel bleibt Kanzlerin. Eine rot-grüne Koalition wäre ein überraschendes Ergebnis der Wahl, würde aber wohl kaum zu einer deutlichen Kursänderung der Europapolitik führen. Zwar ist davon auszugehen, dass eine SPD-geführte Regierung etwas mehr Empathie für die in Schwierigkeiten geratenen Nachbarn aus der europäischen Peripherie haben wird, aber das wird nicht viel ändern, da die deutsche Öffentlichkeit darauf drängt, dass die finanziellen Lasten aus der Eurokrise so gering wie möglich gehalten werden."

www.fixed-income.org

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