Ich berichte seit 2010 über Anleihen, aber so etwas wie aktuell habe ich noch nicht erlebt. Einige Anleihen, die in diesem Jahr öffentlich platziert wurden, haben sich sehr schnell sehr negativ entwickelt. In den vergangenen sechs Wochen habe ich zwei Mal Staatsanwälte auf gewisse Vorgänge hingewiesen. Meines Erachtens war das Niveau bei Mittelstandsanleihen noch nie so schlecht wie derzeit.
Auch von Anleiheemittenten, denen ich bisher vertraut habe, wurde ich enttäuscht. Die Homann Holzwerkstoffe GmbH hat am 14.08.2026 mit Bekanntgabe der Halbjahreszahlen eine Gewinnwarnung veröffentlicht. Im derzeitigen konjunkturellen Umfeld kann das passieren. Für den Folgetage wurde zu einem Investoren-Webcast eingeladen. Man musste sich für den Webcast anmelden, was durchaus üblich ist.
Aber dann wurde es sehr schnell skurril. Eine Mitarbeiterin der IR-Agentur antwortete auf meine E-Mail wie folgt: „Da sich der Webcast ausschließlich an Gläubiger der Anleihe richtet, bitten wir Sie um eine kurze Bestätigung vorab per E-Mail, dass Sie Inhaber dieser Anleihe sind...“
Die Anleihe der Homann Holzwerkstoffe GmbH wurde im Mai 2025 im Nordic Bond-Format öffentlich platziert. Die Transaktion wurde von Pareto und IKB begleitet. Und jetzt soll man, nach einer Gewinnwarnung nachweisen, dass man Anleihegläubiger ist, um an einem Investoren-Call teilzunehmen. Ich musste nie bei einem Investoren Call nachweisen, dass ich Anleihegläubiger bin – auch nicht bei ausländischen High Yield-Anleihen, die nicht öffentlich platziert wurden.
Ich kenne Herrn Homann seit der ersten Anleiheemission im Jahr 2012 persönlich und hatte eine positive Meinung von ihm. Er ist am Kapitalmarkt immer sehr selbstbewusst aufgetreten. Wenn mir vor wenigen Wochen jemand gesagt hätte, dass ich bei Homann nicht an einem Investoren-Call teilnehmen darf, dann hätte ich kein Wort geglaubt. Das gilt auch für Anleihen, die von Pareto und IKB öffentlich platziert wurden. Ich dachte immer, ich hätte bei Mittelstandsanleihen schon jeden Sch… erlebt.
Nachdem ich die E-Mail der IR-Agentur an die Banker von Pareto und IKB weitergeleitet habe, hat mir die Mitarbeiterin des IR-Dienstleisters einen „separaten Termin mit dem Management“ angeboten. Aber spannend ist es doch zu hören, welche Fragen die anderen (institutionellen) Investoren stellen.
Also habe ich eine Anleihe der Homann Holzwerkstoffe GmbH im Nominalwert von 1.000 Euro gekauft und nachgewiesen, dass ich Anleihegläubiger bin. Ich habe dann am Video-Call teilgenommen und die Frage gestellt, weshalb Journalisten nicht am Call teilnehmen dürfen. Fragen musste man eintippen und konnte sie nicht live stellen. Homann begründete dies auf Anfrage mit dem Teams-Format. Ich lasse das mal unkommentiert so stehen. Auf meine Frage ist man im Call nicht eingegangen. Stattdessen hat der Moderator am Ende des Calls behauptet, dass man alle Fragen beantwortet hätte. Leider entspricht das nicht der Wahrheit. Homann erklärt hierzu: „Ihre Frage nach der Zulassung von Journalisten haben wir im Call nicht aufgegriffen, weil sie nicht den Gegenstand der Veranstaltung betraf und für die teilnehmenden Investoren keine Rolle spielte.“
Skurril ist auch, dass mindestens ein institutioneller Investor wörtlich die gleiche E-Mail wie ich bekommen hat – er sollte nachweisen, dass er Anleihegläubiger ist. Ein anderer institutioneller Investor wurde ohne Nachweis zum Call zugelassen. War die Mitarbeiterin der IR-Agentur qualifiziert, über die Zulassung von institutionellen Investoren zum Call zu entscheiden? Vermutlich nicht. Der Investor, der von der IR-Agentur keine Zugangsdaten bekommen hat, hat sie von Pareto bekommen.
Die IR-Agentur von Homann veröffentlicht auch „Studien“ zu Mittelstandsanleihen. Die Agentur vergibt dabei auch einen IR-Score für Anleiheemittenten. Der IR-Score erfasst Basisstandards der Investorenkommunikation. Die untersuchten Kriterien (Webseite) sind: IR-/Anleiherubrik vorhanden (0,5 Punkte), leicht auffindbar (0,5 Punkte), Prospekt/Anleihebedingungen verfügbar (1 Punkt), maßgebliche Finanzberichte veröffentlicht (1 Punkt), relevante Finanzmitteilungen unter IR aufgeführt oder verlinkt (1 Punkt), expliziter IR-Kontakt: Telefon (0,5 Punkte), E-Mail (0,5 Punkte). Es ist schon auffällig, wie niedrig die Latte hängt, wenn eine IR-Agentur einen IR-Score für Anleiheemissionen – und damit u. a. für die eigene Arbeit – vergibt. Welchen IR-Score hat man sich wohl für die IR-Arbeit bei Homann gegeben – Sie ahnen es wohl schon…
Wenn ein Anleiheemittent bei der Transparenz falsch abbiegt, dann sind die Banken gefordert einzugreifen – in dem Fall Pareto Securities und IKB Deutsche Industriebank.
Christian Schiffmacher, www.fixed-income.org
