YAML | Example "3col_advanced"
Anzeige

Anzeige
Anzeige
Anzeige

Kapitalmärkte: Weniger widersprüchlich, als sie erscheinen / von Ann-Katrin Petersen, BlackRock

Ann-Katrin Petersen ist Leiterin der Kapitalmarktstrategie bei BlackRock für Deutschland, Österreich, die Schweiz und Osteuropa © BlackRock

2026 war bislang alles andere als ein lang­weiliges Jahr an den Finanz­märkten. Geo­politik und künst­liche Intelli­genz prägten die Schlag­zeilen – und hinter­ließen eine deutliche Spreizung: Globale Aktien schnitten besser ab als Staats­anleihen.

Neu ist das nicht, seit der weltweiten Zinswende 2021 tritt es jedoch häufiger auf. Fielen die Renditen in der Pandemie noch auf historische Tiefstände, rentieren dreißigjährige US-Staatsanleihen inzwischen über 5% – so hoch wie zuletzt vor 19 Jahren. Zehnjährige Bundesanleihen liegen bei über 3%, dem höchsten Stand seit etwa 15 Jahren. In Japan bewegen sich die Renditenniveaus wie zuletzt in den 1990er Jahren (Quelle: LSEG, 04.09.2026).

Warum notieren die Börsen dann nahe ihrer Rekordstände? Historisch belasteten höhere Anleiherenditen oftmals die Aktienmärkte: Sie erhöhen die Kapitalkosten, künftige Gewinne werden stärker abdiskontiert. Zudem bauten Anleger darauf, dass Staatsanleihen in Phasen der Aktienschwäche steigen. Beide Zusammenhänge greifen heute weniger verlässlich. Zusätzlich wirkt die Gewinnrendite von Aktien gegenüber Anleiherenditen historisch wenig attraktiv. Manche folgern: Einer der beiden Märkte muss falsch liegen.

Eine andere Erklärung ist jedoch, dass sich das makroökonomische Umfeld grundlegend verändert hat. Die „Great Moderation“ bis etwa 2020 war nachfragegetrieben – Globalisierung, China und effiziente Lieferketten hielten das Angebot im Takt der Nachfrage. Zentralbanken federten Abschwünge mit Zinssenkungen ab, Staatsanleihen wirkten in Stressphasen als Stabilisator.

Heute prägen Angebotsengpässe die Wirtschaft. Arbeitskräfte sind knapper, Energiesicherheit hat an Gewicht gewonnen, Lieferketten werden widerstandsfähiger statt allein effizienter gebaut. Staaten investieren in Infrastruktur, Verteidigung und Industriepolitik. In einem solchen Umfeld hängt Wachstum zunehmend von Produktionskapazitäten ab – und Zentralbanken können zwar die Nachfrage bremsen, aber keine Arbeitskräfte, keine Energie und keine Halbleiter schaffen. So gesehen könnte der scheinbare Bruch historischer Korrelationen weniger ein Marktversagen als vielmehr Ausdruck eines neuen Makroregimes sein.

Höhere Renditen müssen für Aktien nicht zwangsläufig negativ sein. Sie spiegeln neben hartnäckigem Inflationsdruck einen strukturell höheren Kapitalbedarf: Steigende Staatsverschuldung und der Wettbewerb um Kapital im KI-Boom treiben die Finanzierungskosten. Lang her erscheint die Debatte über eine globale Ersparnisschwemme („Global Saving Glut“). Treffen höhere Kapitalkosten auf steigende Produktivität und höhere Gewinne, können Aktien zugleich profitieren. Genau das scheint eingepreist – Aktienanleger gehen damit wohl eine der größten makroökonomischen Wetten der Geschichte ein.

Wettbewerb um Kapital: Warum Japan wichtig ist
Vor diesem Hintergrund werden höhere Anleiherenditen in Japan zunehmend zu einer globalen Zinsgeschichte. Der Renditevorteil von US-Treasuries gegenüber japanischen Staatsanleihen ist für japanische Anleger deutlich geschrumpft – besonders nach Absicherung des Wechselkursrisikos. Ein japanischer Anleger kann heute mit einer 10-jährigen japanischen Staatsanleihe rund 3% erzielen. Bei einer währungsgesicherten Anlage in zehnjährige US-Treasuries sind es etwa 2% (Quelle: LSEG, 04.09.2026).

Das ist relevant, weil Japan seit Jahrzehnten einer der größten Kapitalexporteure der Welt ist. Die niedrigen Renditen im Inland haben japanische Anleger lange Zeit dazu veranlasst, auf der Suche nach Ertrag verstärkt im Ausland zu investieren. Japan hält weiterhin rund 1,1 Billionen US-Dollar an US-Staatspapieren.

Wenn japanische Renditen wieder attraktiver werden, könnte selbst eine moderate Kapitalrückführung am Rand spürbar sein. Zur Illustration: Eine hypothetische Umschichtung von 5% der japanischen Treasury-Bestände entspräche rund 55 Milliarden US-Dollar. Das entspricht etwa einem Viertel des Anstiegs der gesamten ausländischen Treasury-Bestände im vergangenen Jahr und rund 7% der erwarteten Nettoaufnahme des US-Schatzamts in diesem Quartal.

Für sich genommen wäre das kaum ausreichend, um den US-Treasury-Markt zu destabilisieren. Aber auch ohne eine breite Rückführungswelle wäre eine solche Bewegung am Rand relevant – gerade in einem Umfeld, in dem Staaten und Unternehmen intensiver um einen begrenzten Kapitalpool konkurrieren und bereits geringere Nachfrage großer ausländischer Investoren zusätzlichen Aufwärtsdruck auf globale Renditen ausüben kann.

Wichtig ist dabei: Diese Dynamik entsteht nicht im luftleeren Raum. Die Bank of Japan steht angesichts von anhaltendem Inflationsdruck, stärkerem Lohnwachstum und einem zeitweise schwachen Yen unter Druck, die Geldpolitik weiter zu normalisieren.

Daraus kann eine Rückkopplung entstehen: Höhere US-Zinsen können den Yen schwächen. Ein schwächerer Yen verteuert Importe und kann dadurch den Inflationsdruck in Japan erhöhen. Das wiederum kann den Druck auf die Bank of Japan erhöhen, die Geldpolitik zu straffen. Eine schnellere Normalisierung kann japanische Anleger dazu bewegen, Kapital stärker im Inland zu halten oder zurückzuführen. Sinkt dadurch die Nachfrage nach US-Treasuries, kann das den Aufwärtsdruck auf US-Renditen zusätzlich verstärken.

Zinseinkommen: Gekommen, um zu bleiben
Dass der weltweite Aufwärtsdruck auf die Renditen rasch nachlässt, ist unseres Erachtens wenig wahrscheinlich. Die Ursachen sind vor allem struktureller Natur: Engpässe bei Arbeitskräften, Energie und anderen kritischen Ressourcen sprechen für eine hartnäckigere Inflation. Hinzu kommt, dass angespannte Staatshaushalte auf einen außergewöhnlich investitionsintensiven Umbau der Wirtschaft treffen. Die Finanzierung von KI-Infrastruktur durch den Privatsektor macht inzwischen rund 14% der Emissionen im Investment-Grade-Anleihemarkt aus und verschärft den Wettbewerb um Kapital. Diese Entwicklungen lassen ein strukturell höheres Zinsniveau als in der Dekade vor der Pandemie erwarten.

Für Anleger bedeutet das Umfeld auch: Zinseinkommen ist als Ertragsquelle in die Portfoliokonstruktion zurückgekehrt. Mehr als 80% des globalen Anleiheuniversums rentieren inzwischen mit über 4% – 2021 waren es auf dem Tief rund 2%. Dabei hat das veränderte Zinsumfeld das Verhältnis von Risiko und Ertrag verändert. Kurze und mittlere Laufzeiten bieten heute häufig attraktivere Ertragschancen bei geringerem Durationsrisiko.

In der letzten Woche standen Inflation und Zentralbanken im Fokus. Der US-Arbeitsmarkt bleibt dabei ein wichtiger Inflationskanal. Das Beschäftigungswachstum im August lag mit 162.000 Stellen deutlich über unserer Schätzung des „Breakeven“-Niveaus von unter 45.000 Stellen pro Monat. Auch der Dreimonatsdurchschnitt von 71.000 Stellen liegt darüber. Solange der Stellenaufbau diese Schwelle übersteigt, kann zusätzlicher Druck auf Löhne und Inflation entstehen.

In Europa richtete sich der Blick auf die Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB). Eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte auf 2,5% – das obere Ende des geschätzten neutralen Zinsbereichs, der die Konjunktur weder bremst noch ankurbelt – war vollständig eingepreist. Die größere Frage lautete vielmehr: Wohin steuert die EZB von hier aus? Die aktualisierten Stabsprojektionen unterstrichen eine zentrale Botschaft: Die Währungshüter rechnen bis 2028 mit hartnäckigerer Inflation – bei zugleich erhöhter Unsicherheit. EZB-Präsidentin Christine Lagarde legte sich zwar nicht auf einen weiteren Zinsschritt fest, vermied es aber ebenso, den Kampf gegen die Inflation für gewonnen zu erklären. 

Sollten die energiebedingten Preisrisiken anhalten, dürfte es im vierten Quartal zu einer weiteren Zinserhöhung auf 2,75% kommen. Die EZB würde damit die neutrale Zone verlassen und die Geldpolitik in restriktives Terrain führen. Rasche Zinserhöhungen auf oder über 3,00% erscheinen jedoch ohne klare Hinweise auf anhaltende Zweitrundeneffekte bei der Inflation aus heutiger Sicht unwahrscheinlich.

www.fixed-income.org

 

Investment
Die Renditen von Staats­anleihen sind deut­lich gestiegen. Für Bastian Freitag, Head of Fixed Income bei Roth­schild & Co Wealth Manage­ment…
Weiterlesen
Investment

von David Clewell, Co-Portfoliomanager der Multi-Asset Global Income Strategy bei T. Rowe Price

Die 5-Prozent-Marke bei der Rendite 10-jähriger US-Staats­anleihen war für Anleger eine wichtige psycho­logische Schwelle, da diese seit der Zeit nach…
Weiterlesen
Investment

Hohe Einstiegsrenditen von Anleihen können Inflationsverluste abfedern. Niedrige lassen Anlegern dagegen kaum ein Sicherheitspolster.

In Robert Louis Steven­sons Aben­teuer­roman „Die Schatz­insel“ weist eine Karte den Weg zu Reich­tümern. Doch wer ihr folgt, begibt sich oft in…
Weiterlesen
Investment
Der Kupon eines Syndi­cated Loans passt sich laufend an den Referenz­zins an – anders als bei klassischen Unter­nehmens­anleihen mit festem Kupon.…
Weiterlesen
Investment
Weltweit kommt es zu einem Aus­verkauf langfristiger Anleihen, doch die Schwellen­länder folgen nicht dem üblichen Muster. Höhere globale Renditen…
Weiterlesen
Investment

Barometerwert steigt von -25,97 auf -12,30 Punkte

Die Stimmung unter den gewerb­lichen Immo­bilien­finan­zierern ist im dritten Quartal 2026 besser geworden, bleibt aber weiter im deutlich nega­tiven…
Weiterlesen
Investment
Die US-Hyper­scaler ent­wickeln sich in rasan­tem Tempo zu prägenden Emittenten am Unter­nehmens­anleihe­markt. Die aktuelle Studie des Asset Managers…
Weiterlesen
Investment
Die Kosten der Staats­ver­schul­dung sind in den Schlag­zeilen – nicht nur auf den Wirtschafts­seiten, sondern auch auf den Titel­seiten. Als…
Weiterlesen
Investment
Ariel Bezalel und Harry Richards, beide Invest­ment­manager des Jupiter Dynamic Bond, erläutern, warum Schwellen­länder­anleihen in lokaler Währung –…
Weiterlesen
Investment
Libby Cantrill, Head of Public Policy bei PIMCO, kommen­tiert mög­lichen Folgen der Midterm-Wahlen in den USA. So hätte ein Erfolg der Demo­kraten…
Weiterlesen
Anzeige

Neue Ausgabe jetzt online!