Multitude möchte im laufenden Jahr den Net Profit auf 30 Mio. Euro steigern, nach 26,6 Mio. Euro im Vorjahr. Die Gruppe hat in den letzten fünf Jahren die Guidance immer erreicht oder übertroffen, wie Multitude CFO Bernd Egger erläutert. CapitalBox, also der Bereich, der Kredite an kleine und mittelgroße Unternehmen vergibt, soll im kommenden Jahr wieder ein positives Vorsteuer-Ergebnis erwirtschaften. Die Multitude Bank bereitet zudem erstmals die Emission einer AT1-Anleihe vor, die sowohl von der Bankregulatorik als auch bei der Bilanzierung nach IFRS als Eigenkapital eingestuft wird. Eine AT1-Anleihe der Multitude Bank könnte ein Volumen von 25 bis 50 Mio. Euro haben.
BOND MAGAZINE: In welchen Bereichen ist Multitude tätig?
Egger: Multitude ist ein reguliertes FinTech-Unternehmen, das in drei Bereichen tätig ist: Im Consumer Lending, im SME Lending sowie im Banking und Wholesale-Banking. Durch die eigene Bank, die wir in der Gruppe haben, sind wir regulatorisch unabhängig von anderen Anbietern. Auch bei der Technologie, einer unserer Kernkompetenzen, sind wir von anderen Unternehmen unabhängig. Der ursprüngliche Nukleus des Geschäftes lag in der Consumer Kreditvergabe. Alle Kernprozesse sind digitalisiert und automatisiert, alles läuft online. Das Consumer Banking ist unser Kerngeschäft, es wächst profitabel. Das SME Lending, also die Kreditvergabe an kleine und mittelgroße Unternehmen, läuft ebenfalls digital und weitestgehend automatisiert. Es gibt keine Filialen, es handelt sich um ein reines Online Business. In Hinblick auf die Performance blickt das SME-Geschäft auf eine etwas wechselvollere Geschichte als das Consumer Lending zurück. Aber “the trend is our friend” – das Geschäft entwickelt sich in die richtige Richtung, das heißt es wächst und steuert auf Profitabilität zu. Im Wholesale Banking konzentrieren wir uns auf großvolumige Finanzierungen sowohl auf Kreditbasis als auch auf Basis von Debt Instruments. Allerdings vergeben wir in der Sparte ausschließlich besicherte Finanzierungen, und das sehr erfolgreich.
BOND MAGAZINE: Wie entwickeln sich die drei Bereiche?
Egger: Das Consumer Business entwickelt sich sehr gut. Wir haben eine Track Record von über 20 Jahren. Der Bereich wächst profitabel. Es kommt immer wieder zu Anpassungen bei Produkten in einzelnen Ländern. Der Umsatz war zuletzt geplantermaßen etwas rückläufig – getrieben durch Produktanpassungen in einzelnen Ländern. Der Umsatz steigt nun wieder, der Bereich ist hochprofitabel. Neben den Zinseinkünften möchten wir auch verstärkt Fee Income erzielen, das ist eine generelle strategische Stoßrichtung der Gruppe.
BOND MAGAZINE: Wegen der Regulatorik?
Egger: Zum einen das, konkret wegen geringerer Eigenkapitalbindung im Provisionsgeschäft, aber mit wiederkehrenden Fee-Einnahmen erzielt man typischerweise am Kapitalmarkt auch höhere Multiples, was uns auch ein Anliegen ist.
BOND MAGAZINE: Was verstehen Sie unter Fee Income?
Egger: Im Consumer-Geschäft sind es Dienstleistungen, die wir als „Banking as a Service“ anbieten. Es geht um Geschäfte, die wir nicht auf den eigenen Büchern haben, für die wir aber Services anbieten – Tech- und Banking-Services.
Zweitens haben wir einen sehr interessanten Income Stream mit der Akquisition von Sortter aufgebaut. Das ist eine finnische Vergleichs- und Vermittlungsplattform für Consumer- und SME-Finanzierungen. Sortter wächst um mehr als 50% und ist deutlich profitabel. Sortter ergänzt sich optimal mit unserem Consumer Business. Wichtig ist uns in dem Zusammenhang, zu betonen, dass Sortter wie bisher autonom geführt wird, wir jedoch bei der internationalen Expansion unterstützen können.
Drittens haben wir Partnermodelle aufgebaut, z. B. in Polen. Vereinfacht gesagt: Wir übernehmen die Loan Origination, die Partner haben die Kredite aber in den Büchern. Und schließlich erzielen wir erste Umsätze im Payment Business.
Im ersten Halbjahr haben wir in Summe Fee Income von 12,6 Mio. Euro erzielt, im Vergleich zu 5,3 Mio. Euro im ersten Halbjahr letzten Jahres. Wir haben es also geschafft, den Anteil des Fee Income am Gesamtumsatz auf einen zweistelligen Prozent-Bereich zu heben, Tendenz stark steigend. Das hat also absolut strategische Relevanz.
BOND MAGAZINE: Wie entwickelt sich das SME Lending, also der Bereich CapitalBox?
Egger: CapitalBox hat eine wechselvolle Geschichte, der Trend ist aber sehr positiv. Aktuell sind wir noch nicht ganz da, wo wir sein wollen. Wir werden in dem Bereich 2026 voraussichtlich noch kein positives Vorsteuer-Ergebnis erzielen. Das sollten wir 2027 auf Jahresbasis aber erreichen. Bei KMUs ist insbesondere auch die Geschwindigkeit der Kreditentscheidung wichtig, hier haben wir uns in den letzten Quartalen entscheidend verbessert. Der Game-Plan ist: 2027 wird CapitalBox stärker wachsen, die Netto-Zinseinnahmen sollten bei starker bzw. sogar besserer Kreditqualität steigen, und das bei degressiver Kostenentwicklung. Wie funktioniert das: Das Geschäft wird zu 100% digital abgewickelt, bei Krediten über 50.000 Euro schauen sich die Underwriter und die Key Account Manager die Kreditanfrage persönlich nochmals genau an.
BOND MAGAZINE: Wie entwickelt sich das Wholesale Banking?
Egger: Der Bereich entwickelt sich sehr gut. Die Zinseinnahmen konnten wir im ersten Halbjahr um rund 70% auf 14,5 Mio. Euro steigern. Das Net Operating Income konnten wir um fast 90% steigern auf knapp 10 Mio. Euro. Das Vorsteuer-Ergebnis konnten wir im ersten Halbjahr von 0,4 Mio. Euro auf 3,5 Mio. Euro steigern. Der Gewinnwachstumsfaktor liegt also bei über acht gegenüber letztem Jahr.
BOND MAGAZINE: Im Wholesale Banking haben Sie auch besicherte Darlehen an kleinere Anleiheemittenten aus dem Baltikum vergeben. Wo haben Sie in der Sparte einen regionalen Schwerpunkt?
Egger: Das sind die Regionen, in denen wir stark sind, das ist das Baltikum, aber auch Nordeuropa. Wir sehen uns aber Transaktionen in ganz Europa an. Im großvolumigen Geschäft sind wir in der Beurteilung näher an Projektfinanzierungen, dazu haben wir auch regionale Vertriebs- und Risikoteams, z. B. in Finnland, aber auch in anderen Märkten. Wenn wir Kreditportfolien als Sicherheiten nehmen, dann durchlaufen die in der Risiko- und Pricing-Beurteilung unseren Prozess nach unseren Standards, das ist ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil.
BOND MAGAZINE: In welchen Regionen sind Sie im Consumer Lending tätig?
Egger: Wir haben eine breite Abdeckung in Europa, und evaluieren natürlich laufend neue Märkte innerhalb Europas, das ist Teil des normalen strategischen Wachstumsprozesses. So könnte z. B. Österreich noch ein Thema werden, derzeit in Evaluierung. Außerhalb Europas halten wir eine Lending-Lizenz in Indien – das ist aktuell das einzige Venture außerhalb Europas. Wir prüfen gerade, mit welcher Geschwindigkeit wir das Geschäft in Indien skalieren könnten. Europa bleibt jedoch im Fokus, wir wollen mit Priorität 1 in den bestehenden Märkten wachsen. Strategisch haben wir für uns drei Wachstumshebel definiert: erstens das organische Wachstum – und aktuell wachsen wir in allen drei Geschäftsbereichen organisch. Zweitens Partnerschaften, die wichtig sind insbesondere für den Fee Income. Und drittens M&A – also anorganische Wachstumsmodelle. Das ist im Consumer-Bereich, aber auch im SME-Bereich, ein Thema.
BOND MAGAZINE: Welche Regionen kommen für M&A-Aktivitäten in Frage?
Egger: Der Fokus ist auf Europa. Ich möchte aber nicht ausschließen, dass wir außerhalb von Europa aktiv werden, wenn sich etwas Interessantes ergibt. Generell umfasst unser M&A-Interesse sowohl Minderheitsbeteiligungen, wenn das strategisch Sinn macht, oder Kontrollübernahmen. Alles, was von der Bewertung, dem strategischen Fit und von der Profitabilität passt, ist interessant. Sortter ist ein sehr gutes Beispiel. Sortter agiert als eigenständige Tech-Plattform, das ist ein echter Wertreiber aus unserer Sicht. Wir können dabei unser europäisches Netzwerk einbringen.
BOND MAGAZINE: Wie ist Ihre weitere Kapitalmarktstrategie? In Ihrer aktuellen Präsentation ist eine mögliche AT1-Anleiheemisison der Multitude Bank genannt.
Egger: Wir haben den großen Vorteil gegenüber Mitbewerbern, dass wir eine eigene Bank in der Gruppe haben. Wenn es um Liquiditätsmanagement geht, dann haben wir Zugang zu Kundeneinlagen. Das ist von der Kostenstruktur sehr attraktiv und wichtig. Wir möchten uns bei der Finanzierung strategisch jedoch immer breit aufstellen. Wir haben auf Topco-Ebene eine Senior Anleihe ausstehen – die Anleihe 2024/28 (ISIN: NO0013259747, WKN: A3LZ65). Auf Topco-Ebene haben wir auch einen Perpetual Bond begeben, der nach IFRS als Eigenkapital qualifiziert ist. Auf Bankebene haben wir ein Tier 2-Instrument emittiert, die, ebenso wie der Perpetual Bond, eine sehr starke Kursentwicklung gezeigt hat. Unsere letzten Emissionen waren sehr erfolgreich. Ein AT1-Produkt, das sowohl von der Bankregulatorik als auch bei der Bilanzierung nach IFRS als Eigenkapital eingestuft wird, haben wir bislang noch nicht emittiert. Das wird aktuell vorbereitet. Eine AT1-Anleihe der Multitude Bank könnte ein Volumen von 25 bis 50 Mio. Euro haben.
BOND MAGAZINE: Ihr CEO hatte mal gesagt, man möchte eine 1 Mrd. Euro-Company werden. Er bezog die Aussage wohl auf die Marktkapitalisierung. Realistisch betrachtet ist das nur mit größeren Akquisitionen denkbar, oder?
Egger: Bei der Ambition, 1 Mrd. Euro Marktkapitalisierung zu erreichen, handelt es sich nicht um eine Kapitalmarkt-Guidance, sondern um ein mittel- bis langfristiges, ehrgeiziges Ziel. Aber das Ziel besteht nach wie vor, da bin ich ganz beim CEO und auch bei unserem Gründer, da haben wir die gleiche Sicht der Dinge. Aus Kapitalmarktsicht zur Sicherheit: das ist unsere Ambition, kein Forward Looking Statement. Um das Thema perspektivisch zu analysieren: Wir haben für das laufende Jahr ein Netto-Ergebnis von 30 Mio. Euro als Guidance genannt. Ich gehe davon aus, dass wir das erreichen können. Auch in den Jahren 2027 und 2028 möchten wir das Netto-Ergebnis um jeweils 20% steigern. Das würde im Jahr 2028 einen Net Profit von 43,2 Mio. Euro bedeuten. Sollten wir danach in die Region von 50 bis 60 Mio. Euro wachsen, und wenn wir dabei auch einen höheren Anteil von Fee Income erzielen könnten – die am Kapitalmarkt typischerweise mit höheren Multiples bewertet werden –, dann wären wir auf Basis unserer Performance von dieser Ambition nicht allzu weit entfernt. Wenn wir auf dem Weg dahin M&A-Transaktionen tätigen können, dann möchten wir das tun, soweit sie dem Ziel dienlich sind. Wiederum am Sortter-Beispiel: Das Unternehmen hat im 1. Halbjahr einen Vorsteuergewinn von 2,3 Mio. Euro generiert, mit Wachstumspotential. Wenn es interessante Übernahmeziele gibt, dann werden wir aktiv. Aber die Zielerreichung machen wir nicht von M&A-Transaktionen abhängig. Wichtig ist, über das organische Wachstum sowie Partnerships, die Basis herzustellen. M&A kann dann eine Ergänzung und ein Beschleuniger sein. Für Ziele generell gilt: Wir haben in den letzten fünf Jahren die Kapitalmarkt Guidance immer erreicht oder übertroffen. Das wollen wir auch in Zukunft erfolgreich liefern.
Das Interview führte Christian Schiffmacher, www.fixed-income.org
